Es war kurz vor 18.00 Uhr, als ich am 9. November 1989 die Grenzaufsichtsstelle Eichholz, die sich im Gebäude des Lübecker Zollkommissariats Süd (ZKom Süd) in der Guerickestraße 2-4 befand, betrat. Ich griff zum Kugelschreiber, trug Dienstanfangszeit und voraussichtliches Dienstende in das Dienstbuch ein, vermerkte zwei Zeiten, zu denen ich bei jeweils einem bestimmten Ort im zugewiesenen Grenzabschnitt anzutreffen sein würde, und unterschrieb mit meinem Namen; mit dem so genannten „Anleisten" war der Dienst nun offiziell angetreten. Dann schloss ich den Waffenschrank auf, entnahm Pistole, Magazin, Munition und Stahlrute, ging zur „Lade-Ecke" und lud meine Handfeuerwaffe vorschriftsmäßig durch. Selbstverständlich durfte auch das Mitführen von Fernglas, Taschenlampe und Funkgerät nicht vergessen werden. Letzteres schaltete ich sogleich ein und meldete unserer Funksprechzentrale „Baldur" mit einem Code-Wort, dass sich „Baldur 2/73" anschickte, in Richtung Grenze auszurücken.
Schnell noch einen Blick in den Streifenmeldeblock mit den letzten Eintragungen – gab es vielleicht wichtige Dinge zu beachten? Waren von den Kollegen irgendwelche außergewöhnlichen Beobachtungen in den letzten Tagen bzw. Stunden gemacht worden ? Nein, zwischen dem Lübecker Stadtteil Eichholz und dem mecklenburgischen Herrnburg war es offensichtlich „ruhig".
Und so machte ich mich schließlich auf und verließ die „GASt", wie wir die Grenzaufsichtsstelle bezeichneten. Nach ein paar Metern erreichte ich mein auf dem Kommissariatsgelände geparktes Auto und öffnete die Heckklappe. Mein privateigener Diensthund „Arie" sprang freudig aus dem Fahrzeug und schaute mich erwartungsvoll an. „Ja, mein Freund", so sagte ich zu ihm, „jetzt geht es endlich los!"
Manfred Krellenberg und Zollhund „Arie"
(Ölgemälde, 1995 gefertigt von H. Grabner, Reinfeld)
Gemeinsam gingen wir die Gutenberg- und Hans-Sachs-Straße entlang, bogen nach links in Richtung Grenze ab und erreichten dann den Weg, der über die ehemalige Eichholzer Schutthalde (heute Kleingartengelände) zum „Feldherrnhügel" führt. Schon passierten wir den massiven Zollhundezwinger, der für die Diensthunde des Zollkommissariats Lübeck-Süd gebaut worden war. Hier war auch mein „Arie" einige Jahre lang „zu Hause" gewesen. Da ich aber nun die Möglichkeit hatte, meinen Diensthund in einem Zwinger direkt an meiner Wohnung unterzubringen, konnte ich meinen vierbeinigen Beschützer vor dieser „Gemeinschaftsunterkunft" bewahren. Und so ließen wir dieses Gebäude sprichwörtlich „links liegen" und durchschritten schon bald den Behaimring. Dann waren wir schließlich da; am „Schlagbaum Eichholz", jener Abschrankung am Ende der Brandenbaumer Landstraße, die hier seit 31 Jahren stand.
Am Schlagbaum Eichholz
Ende der 1960er-Jahre
Am Schlagbaum Eichholz, 1985
Foto: ZKom Lübeck-Süd
Neben dem B-Turm ist ein „Robur LO" abgestellt
Ein Griff zum Fernglas, ein Blick nach Osten – „drüben" war nichts Besonderes los. Wie fast immer, so war auch jetzt der rund 200 Meter entfernte Beobachtungsturm (BT) der DDR-Grenztruppen mit zwei Grenzsoldaten (Greso) besetzt. Und so wie ich diese Männer nun einen Moment in Augenschein nahm und das neben dem „BT" stehende Fahrzeug als „Robur LO" identifizierte, betrachteten mich wohl auch diese „Greso" mit ihren Zeiss-Jena-Gläsern, um dann wenig später ihren vorgesetzten Stellen zu melden, dass von ihnen ein GZD (Grenzzolldienst)- Beamter mit Zollhund gesichtet worden war.
Blick vom DDR-Beobachtungsturm, der gegenüber Schlagbaum Eichholz stand, auf das Ende der Brandenbaumer Landstaße (Foto: Grenztruppen der DDR). Zwischen dem doppelreihigem Metallgitterzaun befand sich das Minenfeld
Wer konnte ahnen, dass das, was gegenwärtig noch für wichtig gehalten wurde, schon bald bedeutungslos war – stand die Öffnung des „Eisernen Vorhangs" doch an diesem Abend bevor, sollten sich West und Ost doch in Kürze vor Freude in den Armen liegen!
Gewiss, ich war informiert über die vielen Ereignisse, die sich in der letzten Zeit in der DDR abgespielt hatten, hatte von den Massen-Demonstrationen Kenntnis, wusste, dass Ende Oktober 1989 rund 20000 DDR-Bürger vor dem Roten Rathaus in Ost-Berlin den Abriss der Mauer gefordert hatten. Dass aber die Grenze tatsächlich geöffnet würde – noch heute – dieses lag zurzeit gänzlich außerhalb meines Vorstellungsvermögens! Und so setzte ich meinen Dienst zunächst in der gewohnten Weise fort und überwachte pflichtgemäß den mir zugeteilten Grenzabschnitt ...
Dort, wo ich mich jetzt, am 09.November 1989, mit meinem Diensthund „Arie" befand, verrichteten seit nunmehr vierzig Jahren Zollbeamte ihren Dienst. Am 15. September 1949 war hier die Grenzkontrollstelle (GKSt) Eichholz eingerichtet worden. Die Grenzabfertigung, die zunächst von Beamten der am 20. Mai 1949 ins Leben gerufenen GASt Eichholz vorgenommen wurde, übernahmen schließlich Kollegen, die eigens für diese Tätigkeit zur GKSt versetzt worden waren. Zwischen 1950 und 1952 wurden hier über 460000 Interzonenreisende und große Mengen verschiedenster Güter abgefertigt, und es passierten hier über 23000 Kraftfahrzeuge die Grenze zwischen der Britischen und der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ).
Lübecker Zollbeamter an Grenze zwischen Lübeck-Eichholz und Herrnburg, ca. 1950
GKSt Eichholz, Blick von West nach Ost, ca. 1950
GKSt Eichholz, Blick von Ost nach West, ca. 1950
Rampe, ca. 1950
Kontrolle, 1950
Westdeutsche Zollbeamte und ostdeutsche Grenzer bei einem „Kontaktgespräch"
Eine Foto-Rarität: westdeutscher Zollbeamter gibt DDR-Grenzer Feuer zum Anzünden einer Zigarette, Anfang der 1960-Jahre
Im Mai 1952 gab die britische Militärregierung in
Berlin dann überraschend bekannt, dass der Grenzübergang zwischen
Lübeck-Eichholz und Herrnburg geschlossen und eine neue
Grenzkontrollstelle in Lauenburg errichtet werde. Proteste des Lübecker
Senates sowie der Industrie- und Handelskammer Lübeck bei der
Bundesregierung blieben aber fruchtlos, so dass – wie befürchtet – der
Wirtschaft im hiesigen Raume nicht unerheblicher Schaden zugefügt
wurde.
Auf Weisung der Russen hatte die DDR an der
Demarkationslinie (DL) eine 5-km-Sperrzone zu schaffen. Paragraph 1 der
am 27. Mai 1952 in Kraft tretenden Verordnung über die Einführung einer
besonderen Ordnung an der DL legte fest, dass diese Sperrzone einen 10 m
breiten Kontrollstreifen unmittelbar an der DL, anschließend einen etwa
500 m breiten Schutzstreifen und dann ein etwa 5 km breites Sperrgebiet
zu umfassen hatte.
Die Deutsche Grenzpolizei (DGP), ab dem 16.
Mai 1952 dem Ministerium für Staatssicherheit unterstellt, musste
entsprechend der 16 Paragraphen umfassenden Polizeiverordnung handeln,
und das „Gesicht" der Grenze nahm langsam aber sicher immer hässlichere
Züge an.
Nicht nur die westdeutschen Zollbeamten, auch die
Angehörigen des 1951 aufgestellten Bundesgrenzschutzes, der für die
diesseitige Überwachung der Grenze nunmehr federführend verantwortlich
war, mussten tatenlos zusehen, wie sich die Bedingungen an dieser
Nahtstelle zwischen West und Ost immer weiter verschärften.
Noch
waren die von der DDR getroffenen Sperrmaßnahmen an der DL aber nicht
so perfektioniert, dass sie eine Flucht aus der SBZ unmöglich machten;
immer noch gelang es vielen Menschen, dem kommunistischen Regime den
Rücken zu kehren. Zu ihnen gehörten auch jene DDR-Polizisten und jener Soldat,
die im August 1953, März und September 1957 den Eichholzer Zollbeamten
in voller Uniform und teils noch bewaffnet in die Hände liefen.
Auszug aus den Grenznachrichten August 1953, Hauptzollamt Lübeck-Ost
Auszug aus der Zeitung „LEP Am Morgen" Nr. 67 vom 20.03.1957
Auszug aus Zeitung „LEP Am Morgen" Nr. 228 vom 01.10.1957
Auszug aus Zeitung „LEP Am Morgen" Nr.213 vom 13.09.1958
Als im April 1958 die DDR-Behörden ihre Drahtsperre an der seit 19. Mai 1952 durch Aufreißen unterbrochenen Straße zwischen Lübeck-Eichholz und Herrnburg ein paar Meter zurück verlegten, bestand nach Auffassung der westdeutschen Ämter die Gefahr, dass allzu Neugierige sich zu weit in Richtung Osten wagen und dann von DDR-Grenzpolizisten festgenommen werden könnten. In Übereinkunft mit Lübecker Senat und Polizei wollte man dieser Gefährdung nun durch die Errichtung einer einfachen Schranke begegnen. Die rot/weiß gestrichene Abschrankung, mit deren Bau am 10. April 1958 begonnen wurde, wurde fortan als „Schlagbaum Eichholz" bezeichnet.
Im Laufe der Zeit entwickelte sich hier ein reger Besucherverkehr, der einen beachtlichen Umfang einnahm. Die Soldaten der Grenztruppe, welche nunmehr auf Seite der DDR hier ihren Dienst verrichteten und insbesondere die DDR-Grenzaufklärer, die sich aufgrund ihrer Aufgabenstellung und politischen Zuverlässigkeit bis direkt an die Grenzlinie begeben durften, mussten sich manchmal vorkommen wie die „Affen im Zoo". Da es vielen Grenzbesuchern nicht bekannt war, dass die DDR-Grenzsoldaten im Regelfall nicht berechtigt waren, Kontakt zu ihnen aufzunehmen (also noch nicht einmal den ihnen dargebotenen Tagesgruß zu erwidern), wurden diese Angehörigen der Grenztruppe nicht selten als unhöflich empfunden und mit Schimpfworten bedacht.
Deshalb waren die Zoll- und Bundesgrenzschutzbeamten besonders darum bemüht, die Grenzbesucher nicht nur in den Grenzverlauf einzuweisen, sondern ihnen auch Geschichte und Eigenarten dieser Grenze näher zu bringen, was in den meisten Fällen auch dankbar angenommen wurde.
Auch am frühen Abend des 9. November 1989 hielten sich mehrere Grenzbesucher am Schlagbaum Eichholz auf. Den teils aus dem Ausland kommenden Menschen beantwortete ich geduldig ihre Fragen. Ob es denn noch Minen hier gäbe und vor Ort schon mal was „passiert" wäre, wollte jemand von mir wissen. Ich antwortete, dass die Minen im Jahre 1984 gesprengt worden seien, es im hiesigen Grenzabschnitt jedoch in den Jahren 1969 und 1981 zu Minenexplosionen gekommen sei, nachdem Bundesbürger das Minenfeld betreten hatten.
Quelle: Bild-Zeitung, Ende 10/1981
Artikel in den Lübecker Nachrichten, 4.11.1981
Sprengung von Minen im Raum Herrnburg 1984
Nach Sprengung der Minen wurde der doppelreihige Metallgitterzaun nicht mehr benötigt und duch einen einreihigen 3,20 m hohen MGZ ersetzt
1963, so erzählte ich weiter, sei ein das Territorium
der DDR betretender Bundesbürger gegenüber des Schlagbaums Eichholz
erschossen worden, nachdem er, sich bereits in Gewahrsam von DDR-Grenzsoldaten befindend, auf Anruf einer anderen DDR-Grenzstreife nicht sofort die Hände hoch
genommen hatte.
Auszug aus den LN vom 07.12.1963
Grenzzwischenfälle
mit tragischem Ausgang gab es also mehrere in diesem Raum. Und wir
Zoll- und BGS-Beamte mussten uns in den meisten Fällen auf das
Beobachten und Melden beschränken, denn es war uns ja nicht gestattet,
die Grenzlinie zu überschreiten und außerhalb des Bundesgebietes Hilfe
zu leisten.
Nachdem ich den Wissensdurst dieser Grenzbesucher gestillt und ihnen einen guten Abend gewünscht hatte, setzte ich meinen Streifengang fort. Mein Zollhund „Arie" war dafür besonders dankbar, denn längere Zeit auf „einem Flecken" stehen, das mochte auch er nicht besonders gern. Der Marsch in südliche Richtung zu unserem Beobachtungshochstand an der Bahnlinie Lübeck-Herrnburg nahm einige Zeit in Anspruch. Während mein vierbeiniger Begleiter sich für die verschiedenen Düfte in „seinem" Revier interessierte und sich ganz dem Markieren „seines" Abschnittes widmete, beobachtete ich so weit es möglich war die Grenze, die in diesem Raum auf DDR-Seite durch eine Lichtsperre erleuchtet wurde. Ruhig war es, und die Monotonie wurde nur manchmal unterbrochen, wenn eine motorisierte DDR-Grenzstreife den Kolonnenweg entlang fuhr und für einige Sekunden sicht- und/oder hörbar wurde. Das unentwegte Bellen der bemitleidenswerten „Leinenhunde", die ihren Teil zur Sicherung der DDR-Grenze beizutragen hatten, begleitete uns auf unserem Weg durch die „Finnlandsiedlung". Kaum war „Am Teufelsmoor" durchschritten und das Ende der beleuchteten Straße erreicht, umhüllte mich völlige Dunkelheit. Meine Augen brauchten einige Zeit, um sich den veränderten Lichtverhältnissen anzupassen, und ich verließ mich in dem vor uns liegenden kleinen Waldstück einige Augenblicke ganz auf meinen Hund. Nur noch rund hundert Meter, dann waren wir am hölzernen Beobachtungshochstand, welcher sich unweit der Grenzlinie befand, angekommen. Ein Blick nach Osten verschaffte mir schnell Gewissheit, dass auch hier alles seine gewohnte Ordnung hatte; besondere Vorkommnisse waren nicht festzustellen. Und so richtete ich mich auf eine ruhige Nacht ein und setzte in unregelmäßigen Zeitabständen das Fernglas vor die Augen. Herrnburg, diese im Sperrgebiet der DDR liegende kleine Ortschaft, lag direkt vor mir und war für mich dennoch unerreichbar. Was für eine verrückte Welt: Es war machbar, u.a. dem australischen Sydney auf der anderen Seite unserer schönen Erde einen Besuch abzustatten, aber dieses nur wenige Meter entfernte Örtchen durfte ich nicht betreten. Und ich hätte doch so gern gewusst, wie es dort so aussieht, wie man dort so lebt, was man dort so alles erleben kann...
Mir gingen, wie so oft während der einsamen Stunden, die ich nachts an der Grenze verbrachte, viele Gedanken durch den Kopf. Was wäre eigentlich gewesen, wenn ich damals, an jenem Tag im Februar 1964, nicht in Lübeck, sondern ein paar Kilometer weiter östlich, in der DDR, zur Welt gekommen wäre? Wenn ich dort aufgewachsen und zur Schule gegangen wäre? Wäre mein Leben nicht vielleicht ähnlich verlaufen wie das jener Angehörigen der DDR-Grenztruppen, die sich mir gegenüber befanden? Wäre es möglich, dass ich diese menschenverachtende Grenze jetzt von Ost nach West statt umgekehrt betrachten würde?
Blick vom Hochstand des Grenzzoll-dienstes an der Bahnlinie Lübeck-Herrnburg
Blick vom Hochstand des GZD. Während der Dunkelheit wurde der Schutzstreifen vor der Ortschaft Herrnburg durch eine Lichtsperre erhellt Foto: Manfred Krellenberg
Blick vom Bahnübergang Herrnburg in Richtung Lübeck
Am Bahnhof Herrnburg 1988
BT(v) am Bahnhof Herrnburg
BT(v) 1377 im Jahr 1988
BT(v) nördlich Bahnlinie Lübeck-Herrnburg
BT 1378, südlich Bahndamm
Zollbeamter Krellenberg und DDR-Grenzaufklärer (1984)
Grenzsoldaten entfernen die am Vorabend über das Gleis gespannten Signaldrähte
Streckenläufer der Reichsbahn, bewacht von Grenzsoldaten
Ich wartete auf den letzten grenzüberschreitenden Zug. Nachdem dieser schließlich den Bahnhof von Herrnburg verlassen hatte und Lübeck entgegen ratterte, machten sich normalerweise die beiden auf dem rund 250 m entfernt befindlichen Beobachtungsturm Dienst verrichtenden DDR-Grenzsoldaten daran, ihren „BT" zu verlassen, um dann durch ein kleines Tor im Metallgitterzaun auf die Bahnlinie zu gelangen, wo von ihnen ein Draht (der bei genügender Berührung das Zünden von Signalpatronen nach sich zog) quer über das Gleis gespannt wurde. Aber an diesem Abend wartete ich vergeblich darauf, und noch machte ich mir ob dieser Tatsache keine Sorgen...
Trotzdem war ich innerlich ziemlich angespannt wie eigentlich bei allen bisher geleisteten Nachtdiensten, auch weil ich doch nur zu gut wusste, dass Menschen, welche aus der DDR flüchten wollten, oftmals den Schutz der Dunkelheit suchten, um ihr Vorhaben zu realisieren.
Plötzlich nahm ich Schrittgeräusche wahr. „Halt! Zoll!", rief ich in die Dunkelheit hinein. Noch bevor ich eine Antwort bekam, sah ich die schemenhaften Umrisse eines aus Richtung Westen kommenden Menschen, der aufgrund seiner Uniform nun als Kollege vom Zoll erkennbar wurde. Es war der „BzbV", wie wir den „Beamten zur besonderen Verwendung" nannten. Ich wollte dem Vorgesetzten gerade Meldung erstatten, da kam er mir mit den Worten zuvor: „Herr Krellenberg, was machen Sie denn noch hier? Die Grenze ist doch offen!"
Ich stand da wie vom Blitz getroffen. Grenze offen? Einfach unmöglich! Nein, ich konnte es zunächst nicht glauben und brauchte etwas Zeit, um zu realisieren, dass es sich nicht um einen Scherz, sondern um die Wahrheit handelte. Die Nachricht war überwältigend – die Grenze ist offen - unfassbar, Wahnsinn, einfach fantastisch...
Am Grenzübergang zwischen Lübeck und Selmsdorf würden schon „Trabis" und Wartburgs in Richtung Hansestadt rollen, berichtete mir der BzbV. Und schon machte sich der Kollege wieder von dannen. Bevor er sein Auto bestieg, um wieder in Richtung Schlutup zu fahren, wo sich schon zahlreiche Menschen mit Freudentränen in den Augen entzückt umarmten, hatte mich der Kollege B. noch beauftragt, wieder den Schlagbaum Eichholz anzulaufen. Schließlich sei nicht auszuschließen, dass sich aufgrund der jetzigen Lage besondere Geschehnisse an dieser Abschrankung ereignen würden.
Ein paar Minuten blieb ich noch an meinem Postierungspunkt und schaute nach Osten. Nichts ist nun mehr so wie es früher war, das wurde mir in diesen Augenblicken erst so richtig bewusst. Niemals in meinem bisherigen Leben habe ich Glücks- und Trauermomente zeitgleich und in einem solch ungeheuren Ausmaß verspürt! Als Deutscher empfand ich unendliche Freude über die Öffnung der Grenze, und ich wollte sie jetzt mit allen, die mir in dieser Nacht noch über den Weg liefen, gerne teilen. Auf der anderen Seite ahnte ich, dass meine Tage als an der Grenze zur DDR Dienst verrichtender Zollbeamter gezählt waren und ich schon bald an einen anderen Dienstort versetzt würde.
Meine Hoffnung in all den Jahren, mal eine gelingende Flucht eines DDR-Bürgers zu beobachten und diesen dann hier in Empfang zu nehmen und hilfreich zur Seite zu stehen, diese Hoffnung hat sich nicht und würde auch nicht mehr erfüllt. Was würde es für meine Kollegen und mich zukünftig überhaupt noch in dem uns zugewiesenen Grenzabschnitt zu tun geben? Es schien mit einem Male vieles so sinnlos geworden zu sein, und die sich nun in mir immer breiter machenden Ängste waren, wie sich schon recht bald heraus stellen sollte, durchaus berechtigt.
Am Schlagbaum Eichholz blieb es schließlich relativ ruhig in dieser Nacht; es kamen während meiner nun bald endenden Dienstschicht nur noch vereinzelt Anwohner vorbei, die sich nach der hiesigen Lage zu erkundigen gedachten. Aber die Ruhe währte nicht lange; das Ende der Grenze und zunächst erst einmal des Schlagbaums rückte unaufhaltsam näher. Als am 14. Dezember 1989 die Abschrankung im Rahmen der bevorstehenden Wiedereröffnung des Grenzübergangs zwischen Lübeck und Herrnburg (16.12.1989 um 08.00 Uhr) beseitigt wurde, hatte ich Tränen in den Augen. Freude und Traurigkeit gaben sich in mir die Hand. Welche Emotionen durch meinen Körper rasten, kann vielleicht nur jener erahnen, der so wie ich mit ganzem Herzen bei der Sache war und der seinen Dienst hier gerne verrichtet hat.
Kurz nachdem der Schlagbaum Eichholz „gefallen“ war, kam ein Fernseh-Team (RTL) angereist, um von den Bauarbeiten bzw. der baldigen Eröffnung des Grenzüberganges zu berichten.
Auf DDR-Seite waren an diesem 14.12.1989 mehrere Soldaten der Grenztruppe in Nähe der Grenzlinie beschäftigt, diverse Tätigkeiten auszuführen. Auf westdeutscher Seite waren der stellvertretende Leiter des ZKom Süd und ich als Vertreter des Zolls anwesend. Da mein Vorgesetzter keine Lust hatte, Fragen des Fernsehteams zu beantworten, bat er mich, das zu tun. Ich solle einfach nur das sagen, was ich fühle, dann könne ich nichts falsch machen. Zunächst wurde jedoch ein Fähnrich der DDR-Grenztruppe interviewt. Er war so voller Freude über die Ereignisse seit dem 9.11.1989, lachte fröhlich in die Kamera und tat kund, dass er voll des Glücks anlässlich der Grenzöffnung sei. Dann schwenkte die Kamera auf mich zu - und oh Wunder - da stand nun ein ernst dreinblickender Zollbeamter im Scheinwerferlicht und erzählte davon, dass er sehr bewegt, ja sogar traurig gewesen sei, als der Schlagbaum Eichholz fiel. Abends wurde der Beitrag dann von RTL gesendet. Und was ich mir dann anhören musste.... ja, die ganze Welt freute sich wahnsinnig über den Fall der Mauer bzw. der Grenze - nur der eine Zöllner scheinbar nicht, sah er doch seinen geliebten Schlagbaum fallen und hatte den baldigen Verlust seines hiesigen "Arbeitsplatzes" vor Augen...
Als das Jahr sich dann kurze Zeit später zu Ende neigte, wurde mir für den Silvester-Abend eine Menge Leuchtmunition vom Schießlehrwart unseres Zollkommissariates mitgegeben. Alles Patronen, die aufgrund längerer Lagerzeit verbraucht werden mussten. Es hat verdammt viel Spaß gemacht, die Leuchtkugeln in die Höhe zu jagen, auch wenn es mir bei Dienstschluss aufgrund der vielen abgegebenen Schüsse nicht mehr möglich war, einen Kugelschreiber zwischen den Fingern zu halten; durch den Rückschlag der Leuchtpistole hatte ich absolut kein Gefühl mehr in der rechten Hand….
Wie schön war es doch, dass man nun endlich mit den Kollegen „von der anderen Feldpost-Nummer" reden konnte. Jetzt wurde nicht nur der Tagesgruß erwidert, sondern es entwickelten sich immer öfters Gespräche, die uns Grenzer hüben wie drüben zur Einsicht gelangen ließen, dass uns mehr verbindet als trennt.
Es dauerte nicht lange, da wurde ich von einem DDR-Grenzaufklärer, einem Oberfähnrich, zu sich nach Hause in Lüdersdorf eingeladen. Wir hatten einander so viel zu erzählen, dass ich kaum Zeit fand, die Tasse Kaffee zum Mund zu führen. Es schien, als müsste alles, was wir uns in den Jahren zuvor nicht sagen konnten/durften, jetzt nachgeholt werden. Als ich ihn dann fragte, wo sich die vielen Fotoaufnahmen befänden, welche die DDR-Grenztruppen von uns Zoll- und BGS-Beamten gefertigt haben, antwortete er, dass viele Dokumente vernichtet worden seien. Auch er habe seine im Besitz befindlichen Fotos von Angehörigen der bundesdeutschen Grenzüberwachungsorgane in „seinem" Grenz-Bataillon abgeben müssen. Er hatte die Aufnahmen bereits in einen Sammelbehälter geworfen, ein Teil davon dann aber in einem unbeobachteten Augenblick wieder an sich nehmen können. So sind diese Bilder der Vernichtungsaktion entgangen. Als könnte der Oberfähnrich meine Gedanken lesen, erhob er sich plötzlich von seinem Stuhl und kam kurze Zeit später mit einem Umschlag wieder. Sein Inhalt, den er mir schenkte, war für mich wertvoller als alles Gold der Welt. Vor allem deshalb, weil ich unter den Aufnahmen ein paar Fotos entdeckte, welche er in seiner Funktion als DDR-Grenzaufklärer von mir gemacht hatte. Auf der Rückseite jeweils ein blauer Stempel der DDR-Grenztruppe, versehen u.a. mit Datum, Aufnahmeort (Planquadrat) und Auswertungsvermerk. Innerlich ganz tief bewegt, suchte ich sogleich in meinen mitgebrachten Dokumenten jene Bilder heraus, die ich an der Grenze von ihm, dem Berufssoldaten, gemacht hatte. Welch´große Freude in uns herrschte! Es sind Momente gewesen, die ich Zeit meines Lebens nie vergessen werde!
Nicht nur wir beide mussten feststellen, dass uns Grenzer in Ost und West die Ereignisse förmlich überrollten. Und oftmals war es gar nicht einfach, die Wahrheit und das Wunschdenken klar auseinander zu halten. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele „Säue durch das Dorf getrieben" wurden, wie oft ich irgendwelchen „Scheißhausparolen" aufgesessen bin. Hoffnung und Enttäuschung wechselten sich ständig ab und zerrten gewaltig am Nervenkostüm. Eben noch ein Lächeln im Gesicht, Augenblicke später schon abgelöst von Ängsten, die sich wie aufkommender Nebel um das geistige Auge legten und der Lebensfreude die Sicht auf eine erstrebenswerte Zukunft nahmen.
Wie sollte es bloß weitergehen in und mit u n s e r e m Deutschland und der Grenze, die noch existierte? Die Politik nahm keine Rücksicht auf die Belange und Gefühle jener Menschen, die an dieser Grenze ihren Dienst versahen. Soldaten, Polizisten und Zöllnern blieb nichts anderes übrig, als die weitere gesamtdeutsche Entwicklung zu beobachten und den ihnen gegebenen Anweisungen Folge zu leisten.
Den Tatsachen ins Auge blickend, musste ich langsam Abschied nehmen von jener Grenze, die ihr hässliches Gesicht mit dem Tag des Mauerfalls verloren hatte. Während der kommenden Nachtdienste hatte ich stundenlang Gelegenheit, mich an vergangene Zeiten zu erinnern. Die innere Anspannung, die mich bei meinen früheren Diensten während der Dunkelheit ständig begleitete, existierte nicht mehr. Gleich dem Schwachstrom, der nun nicht mehr entlang der Drähte des Schutzstreifenzaunes (bzw. Grenzsignalzaunes) floss, weil er nicht mehr benötigt wurde, so würde auch meine Anwesenheit hier an dieser Grenze bald nicht mehr erforderlich sein.
Ich sah mit an, wie die Grenze mit jedem vergehenden Tag etwas mehr „befreit" wurde von jenen Zeichen, die auf sie hinweisen sollten. „Souvenirjäger" sorgten in rasendem Tempo dafür, dass „zum Schluss" kaum noch Grenzschilder demontiert werden mussten. Schon bald herrschte Leere – wie auch in meinem Innern, denn die (Zukunfts-)Ängste der vergangenen Monate hatten mich so ziemlich aufgefressen.
Eines der „Grenz-Souvenire" in der Sammlung von Manfred Krellenberg
Ich musste jetzt loslassen und ich versuchte, innerlich zu akzeptieren, das alles seine Zeit hat. Es war mehr denn je erforderlich, sich wieder ins Bewusstsein zu rufen, dass dort, wo etwas zu Ende ist, auch immer wieder etwas Neues beginnt.
Und das wurde mir spätestens dann wieder ins Gedächtnis gerufen, als man mir meine dienstliche Versetzung nach Hamburg zum Zollkommissariat Freihafen bekannt gab. Ich wusste, dass ich nun wieder völlig von vorne anfangen musste. Aber ich wollte versuchen, die Herausforderung anzunehmen!
Bevor es allerdings so weit war, musste ich zunächst miterleben, wie „meine" Grenzaufsichtsstelle Eichholz ihre Existenzberechtigung nach und nach verlor. Das tat mitunter ganz schön weh… ja, die Seele schmerzte!
Ich fühlte mich von allem Glück verlassen, als es hieß, dass mit Beginn der Währungsunion der Streifendienst an der Grenze einzustellen sei. Ich war drauf und dran, an der Antenne des Zoll-VW-Busses, den ich in den letzten Wochen zu meiner Verfügung hatte, einen schwarzen Trauerflor zu befestigen. Ich sah dann aber lieber davon ab … wer hätte jetzt dafür Verständnis gehabt? Und so ließ ich am 30.06.1990 meinen geliebten „Arie" in die Hundebox des Streifenfahrzeugs springen, schloss die Heckklappe und brach auf zu meiner letzten Streife an der Grenze zur DDR. Ich fuhr noch einmal auf den Priwall, blickte gedankenverloren auf die Ostsee und ließ meine Dienstzeit beim „ZKom Süd" Revue passieren. Ich hielt Ausschau nach den Farben der Freude und des lebenswerten Lebens, konnte oder wollte sie jetzt jedoch nicht finden. Und mit jedem Kilometer, den ich mich nun weiter südwärts bewegte, schnürte mir die Depression die Kehle weiter zu. Als ich durch Eichholz fuhr und dann schließlich das Ende der Brandenbaumer Landstraße erreichte, stellte ich den Wagen ab und ging in Begleitung meines Hundes zum wasserführenden Graben, der schon bald nicht mehr die Grenze zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik markieren, sondern nur noch als Trennlinie zwischen den Bundesländern Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern fungieren würde.
Einst befand sich hier, nur wenige Meter entfernt, der Schlagbaum Eichholz, stand hier ein Schild mit der Aufschrift „AUCH DRÜBEN IST DEUTSCHLAND".
Ich suchte Hoffnung und fand sie in meinen eigenen Worten, die ich lautlos zu mir sagte: „AUCH DEIN LEBEN GEHT WEITER – DU HAST NOCH SO VIEL VOR DIR!"
14.12.1989
Manfred Krellenberg als Zollassistent z.A. im Alter von 19 Jahren
Bundesbürger kehrt nach Aufforderung durch Zoll und BGS wieder auf Bundesgebiet zurück (Aufnahme eines DDR-Grenzsoldaten vom Beobachtungsturm, 10.9.1986)
Zu viel Alkohol und dann vor dem Metallgitterzaun liegend eingeschlafen...
Fotografiert von einem DDR-Grenzsoldaten vom Beobachtungsturm 1376 gegenüber Schlagbaum Eichholz
Sie brachten sich in Grenznähe in besondere Gefahr: Menschen, die zuviel Alkohol genossen hatten und dann meinten, nun unbedingt die Grenze in Richtung DDR überschreiten zu müssen. Zoll und BGS mussten auch auf diese Personengruppe ein besonders wachsames Auge haben, um Grenzzwischenfälle zu vermeiden.
Immer wieder gab es Menschen, die scheinbar die besondere Aufmerksamkeit von Zoll und BGS bzw. der Grenztruppen der DDR suchten. War das Radfahren wie in dieser Rückenlage harmlos und brachte uns Grenzer am 17.06.1987 lediglich zum Schmunzeln, so konnte es Augenblicke später schon passieren, dass diese Person plötzlich über die Grenze lief, um z.B. irgendwelche Sachen (Plastiktüte mit Zeitschriften etc) an der auf DDR-Gebiet stehenden Grenzsäule niederzulegen oder in anderer Form die Grenzorgane der DDR zu provozieren.
Diese Fotoaufnahme wurde fast zeitgleich von dem gegenüber des Schlagbaums Eichholz stehenden Beobachtungsturm der DDR-Grenztruppen gefertigt. Links im Bild der Zollbeamte Manfred Krellenberg, der gerade Fotos (u.a. das oberhalb dieser Aufnahme gezeigte Farbfoto) von dem „Radfahrer" machte.
Dieser „Feuerspucker" brachte Farbe in den manchmal doch recht grauen Grenzeralltag
Und auch mit solchen Dingen mussten wir Grenzer uns beschäftigen: Eine am 03.03.1987 von Unbekannt über die Grenzsäule der DDR gestülpte Unterhose. DDR-Grenzaufklärer versuchten an diesem Tage mehrmals, diese Unterhose wieder von dort zu entfernen. Da der Zollbeamte Krellenberg jedoch am Schlagbaum postierte, um diesen Moment mit der Kamera festzuhalten, warteten die DDR-Grenzsoldaten lieber bis zum Einbruch der Dunkelheit. So „ärgerten" sich beide: Krellenberg, weil es ihm nicht gelang, diese Situation aufs Negativ zu bannen, und die Grenzaufklärer, weil sie sich wegen des „lauernden" Zollbeamten genötigt sahen, stundenlang in Nähe der Grenzsäule auszuharren.
Fotoaufnahme eines DDR-Grenzaufklärers. Die Unterhose wurde erst im Schutze der Dunkelheit von der DDR-Grenzsäule entfernt. Es war den DDR-Grenzsoldaten offensichtlich wichtig, nicht während dieser Augenblicke fotografiert zu werden. Und so beschäftigte dieses Unterbekleidungsstück die Grenzer in West und Ost über mehrere Stunden.
DDR-Grenzaufklärer gegenüber Schlagbaum Eichholz
Grenzaufklärer gegenüber Schlagbaum Eichholz
Blick vom DDR-Beobachtungsturm der DDR-Grenztruppen auf die Brandenbaumer Landstaße und den Schlagbaum Eichholz (Foto: Grenztruppen der DDR)
Grenzinformations-Schaukasten des Zolls. Der hier abgelichtete Kasten stand am Lüdersdorfer Weg. Dieses Foto wurde von einem Angehörigen der DDR-Grenztruppen gefertigt.
Auswertungsvermerk der DDR-Grenztruppe zu obigem Foto
Schutzstreifenzaun (SSZ) bzw. GSZ (Grenzsignalzaun)
SSZ bzw. GSZ in Herrnburg
MGZ mit Durchlasstor für GAK
Durchlasstor im MGZ
Warum bin ich nun damals zum Zoll gegangen, wie fing alles an?
Ich war gerade 16 Jahre jung, als ich mich im Rahmen der anstehenden Berufswahl zum ersten Mal mit dem Aufgabenfeld eines Zollbeamten befasste. Schnell kristallisierte sich heraus, dass mich die Tätigkeiten des Grenzzolldienstes, insbesondere des Grenzaufsichtsdienstes an der Grenze zur DDR, sehr interessierten. Die extreme Unnatürlichkeit dieser Grenze war es, die mich so außergewöhnlich faszinierte; sie übte einen besonderen Reiz auf mich aus und ließ mich schließlich den Entschluss fassen, mich beim Zoll zu bewerben.
Vielleicht fragt sich mancher, warum nicht Bundesgrenzschutz (heute: Bundespolizei)? Nun, ich hatte mich zuvor darüber informiert, dass der einzelne BGS-Beamte nicht täglich Grenzstreife gehen bzw. fahren konnte, da die Polizei des Bundes schon damals viele andere Aufgaben zu bewältigen hatte, u.a. Schutzmaßnahmen bei Demonstrationen. Ich aber zog den regelmäßigen Grenzdienst (beim Zoll) den (beim BGS) möglichen Konfrontationen mit „Krawallmachern" vor und hoffte zudem, in naher Zukunft einen vierbeinigen Begleiter (Diensthund) an meiner Seite zu haben. Möglichkeiten, „meinen" Traum zu verwirklichen, bot zu jener Zeit nur der Zoll, und so war es schließlich ein großes Geschenk für mich, als ich die Einstellungszusage von der Oberfinanzdirektion Kiel erhielt.
Im August 1981 begann die zweijährige Ausbildung mit einem dreimonatigen Einführungslehrgang an der Zollschule Rupprechtstegen. Hier galt es zunächst einmal, sich mit den originären Aufgaben der Bundeszollverwaltung vertraut zu machen. Die zollamtliche Überwachung des Warenverkehrs über die Grenze mit allen daraus resultierenden Aufgaben und Tätigkeiten – das war wichtigstes Thema des Unterrichts. Welche immens große Bedeutung der Zoll als Einnahmeverwaltung des Bundes hat, das wurde uns Zollschülern hier erst so richtig bewusst. Mancher Unterrichtsstoff gestaltete sich zuweilen aber ziemlich „trocken" und wollte nur mit „Nachdruck" im Gedächtnis haften bleiben. Gleichwohl wissend, dass ich einen Großteil des Erlernten als Aufsichtsdienstbeamter an der Grenze zur DDR nicht mehr benötigen würde, so musste ich mir im Laufe der nächsten 24 Monate doch alle wichtigen Kenntnisse aneignen, um die Ausbildung erfolgreich abzuschließen. Und ich schaffte es und war unendlich froh und dankbar, als ich schließlich die Ernennungsurkunde zum Zollassistenten zur Anstellung erhielt.
Zudem hatte ich kurz zuvor erfahren, wo ich zukünftig meinen Dienst verrichten sollte: ich war wunschgemäß zur Grenzaufsichtsstelle I Eichholz versetzt worden, wo ich bereits Ende Juli 1983 meinen Dienst aufnehmen sollte. Ich hatte das Gefühl, auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen, da ich fortan jenes machen konnte, wozu ich ganz besonders große Lust hatte (im Gegensatz zu einigen anderen Kollegen, die – obwohl im Norden Deutschlands unweit der dänischen Grenze zu Hause – sich nunmehr genötigt sahen, Abschied von der Heimat zu nehmen und statt originäre Zollaufgaben nun vom Bundesgrenzschutz übertragene grenzpolizeiliche Aufgaben an der Grenze zur DDR wahrzunehmen. Für diese Kameraden brach nun verständlicherweise fast die Welt zusammen).
Für mich aber fing mein Berufsleben jetzt erst richtig an und ich konnte mit übergroßer Freude in den Berufsalltag starten. Der „aB" – so bezeichneten wir den aufsichtsführenden Beamten der Grenzaufsichtsstelle – nahm sich meiner an und wies mich in den kommenden Tagen in den zu überwachenden Grenzabschnitt ein. „Kalle" Schöning´s überaus freundschaftliche und kameradschaftliche Art machte es mir leicht, sich bei dieser Dienststelle einzuleben. Nicht unerheblichen Anteil hatten hierbei auch die anderen Kollegen der beiden GASten Eichholz; sie nahmen mich herzlich in ihren Kreis auf und sorgten dafür, dass ich mich bei ihnen wohl fühlte.
Die nächsten Wochen ging es ausschließlich auf Doppelstreife (meist mit Maschinenpistole ausgerüstet). Erst als sichergestellt war, dass ich mit dem Grenzabschnitt voll vertraut war, erhielt ich die Erlaubnis, den Grenzaufsichtsdienst allein zu verrichten. Hieß es für die kommenden drei Monate, dass „Dienst nach Vorschrift" zu leisten war, so konnte nach Beendigung dieser Phase „Dienst nach Ermessen" geleistet werden. Wobei das „Ermessen" natürlich einen begrenzten Umfang hatte! War im Dienstbuch ein „Fr" (Frühdienst) vorgegeben, so konnte ich meinen Dienstbeginn zwischen 04.00 und 06.00 Uhr bestimmen. Bei „V" (Vormittagsdienst) war es mir freigestellt, bereits um 06.00 Uhr oder erst um 08.00 Uhr in Richtung Grenze auszurücken, bei „N" (Nachmittagsdienst) konnte ich zwischen 12.00 und 14.00 Uhr wählen, wobei der Beginn des Dienstes während dieses 2-stündigen-Ermessensspielraums jeweils alle zehn Minuten (später dann abgeändert in 15-Minuten-Takt) erfolgen konnte. Auch war es mir weitgehend möglich, zu entscheiden, wie lange meine Dienstschicht dauern sollte. Minimum waren 5 Stunden, Maximum in der Regel 8 Stunden (bei besonderen Vorkommnissen konnte davon natürlich abgewichen werden). Man musste nur darauf achten, dass man das jeweilige Monatsdienstmaß, also die zu leistenden Tag-und Nachtdienststunden, auch tatsächlich erfüllte. In der Regel waren es monatlich um die 50 Nachtstunden (Dienstverrichtung zwischen 20.00 und 06.00 Uhr), die jeder von uns auf Streife gehen musste. Das hört sich vielleicht nicht besonders viel an, dennoch forderten diese Nachtschichten (es gab die "VM"-Schicht, Dienstbeginn zwischen 18.00 und 20.00 Uhr sowie die "NM"-Schicht, Dienstbeginn zwischen 23.00 uhr und 01.00 Uhr) dem Körper so manches ab…
Aber ich war ja nun gerade erst mal 19 Jahre alt und voller Tatendrang! Leider konnte ich das meiste Wissen, das ich mir während der gerade erst abgeschlossenen Berufsausbildung angeeignet hatte, sofort „über Bord" werfen. Hier waren nun ganz andere Dinge gefragt, Sachen, über die wir in den Zollschulen nicht unterrichtet worden waren. Jetzt waren Kenntnisse über die Dienstgrade der DDR-Grenztruppe und deren Bewaffnung wichtig, ebenso musste ich mich nun mit den verschiedenen Landfahrzeug- und Hubschraubertypen des Ostens auskennen. Die einzelnen Wegepunkte im bundesdeutschen Grenzabschnitt galt es nun ebenso zu wissen wie die Bezeichnungen der Grenzsperranlagen der DDR. So hatte beispielsweise jeder Beobachtungsturm eine eigene Nummernbezeichnung, die es bei der Abwicklung des Funk- und auch Schriftverkehrs zu nennen galt. Glücklicherweise hatte ich mit dem Erlernen dieses Wissens keinerlei Schwierigkeiten, da ich mich für alles, was mit dieser Grenze zusammen hing, sehr interessierte. Mag es auch so manchen Kollegen gegeben haben, der den Dienst hier absolut langweilig fand, so gelang es mir in all den Jahren, die ich hier Dienst verrichten durfte, immer wieder Neues und Aufregendes zu entdecken.
Und in der Tat lag doch eine ganze Menge Spannung in diesem Raum, war hier doch nicht nur die Trennlinie zwischen West- und Ostdeutschland, sondern auch zwischen Nato und Warschauer Pakt. Hier prallten zwei große Blöcke aufeinander, Systeme, die einander nicht besonders wohlgesonnen waren. Das Verhalten der DDR-Grenzsoldaten, die (befehlsgemäß) nicht einmal den ihnen dargebotenen Tagesgruß bei einer Begegnung an der Grenze erwiderten, verstärkte noch den Eindruck, dass man sich hier weniger als „Landsmänner" betrachtete, sondern vielmehr als „Gegner". Ein Aufeinandertreffen hatte einen ganz besonderen Reiz, fast war es manchmal sogar etwas unheimlich, wenn man sich plötzlich auf wenige Meter Entfernung gegenüber stand. Ja, der Gedanke „das ist ja auch nur ein Deutscher" mochte in der Regel nicht so recht aufkommen...
Grenzaufklärer gegenüber Schlagbaum Eichholz
Wertvolles Zeitdokument: eine alte DDR-Postentabelle
Wurde die Funksprechzentrale „Baldur" des Hauptzollamtes Lübeck-Ost bereits über die normale Streifentätigkeit der DDR-Grenztruppe laufend von uns Grenzaufsichtsdienstbeamten unterrichtet („Um 08.13 Uhr eine Zwei-Mann-GreSo-Kradstreife von Nord nach Süd den BT 1376 passierend" etc.), so musste die Leitstelle natürlich auch sofort in Kenntnis gesetzt werden, wenn Grenzaufklärer in Erscheinung traten. Handelte es sich um bereits bekannte Soldaten der Grenztruppe, so waren diese bereits in unserer „GAK"-Kartei mit einer Nummer versehen worden und wir meldeten dann z.B., dass der Hauptmann „Nr. 13" und Stabsfähnrich „Nr. 5" unweit der DDR-Grenzsäule gegenüber Schlagbaum Eichholz in gedeckter Stellung postieren würden, bewaffnet mit Pistole Makarov und MPi Kalaschnikow Modell..., ausgerüstet mit Fernglas, Funkgerät UFT 771, Fotokamera Praktika mit Teleobjektiv usw..
Da ich in der Regel auch einen Fotoapparat bei mir hatte, versuchte ich, die Soldaten der Grenztruppe auf das Negativ zu bannen. Sie machten es mir meist nicht leicht, sondern drehten sich weg oder setzten ihre Ferngläser vor die Augen, damit ihre Gesichter auf den Fotos nicht zu erkennen sein würden. Doch ich hatte Geduld und wurde dafür in vielen Fällen auch belohnt. Wir haben, im Nachhinein betrachtet, „Katz und Maus" gespielt. Heute kann ich mich darüber herzlich amüsieren, aber damals war mir diesbezüglich nicht zum Lachen zumute! Nein, wir haben uns immer wieder auf das Neue gegenseitig abgelichtet und dabei nicht selten derart ernst in die Linse des Anderen geschaut, als wären wir die ärgsten Feinde.
Konnten wir westdeutsche Grenzaufsichtsdienstbeamte die DDR-Grenzsoldaten allein schon aufgrund ihres Standortes, ihrer Tätigkeit und ihrer Uniform als „zum Osten gehörig" identifizieren, so war es äußerst schwer, Personen aufzuspüren, die auf westdeutschem Territorium für die „Gegenseite" arbeiteten und hier bestimmte Dinge „aufzuklären" hatten. Regelmäßig wurden wir angewiesen, auch in dieser Hinsicht besonders wachsam zu sein. Sobald es da geringste Zweifel gab, ob die bei XY angetroffene Person wirklich nur ein „harmloser Spaziergänger" war, wurden die Personalien überprüft. Das wussten natürlich auch die entsprechenden Dienststellen in der DDR ... und hatten jene Leute zuvor mit Identitäten versehen, die zumindest einer normalen Personenabfrage Stand halten konnten.
Dass auch in meinem zu überwachenden Grenzabschnitt in dieser Hinsicht noch viel mehr los war, als wir damals ahnten, erfuhr ich nach der Wende von einem ehemaligen Oberstleutnant, der in Herrnburg bei den DDR-Grenztruppen diente. Er bestätigte, dass Schleusungen nicht selten vorgenommen worden sind und zeigte mir Fotos von einem Tunnel, der es ermöglichte, Personen unterirdisch (und damit ungesehen bzw. unbemerkt) die Grenzsperranlagen passieren zu lassen und diese dann bis kurz vor die Grenzlinie zu bringen, wo sie dann, in zivil gekleidet, meistens nicht mehr die Aufmerksamkeit von Zoll und BGS erregten.
Das alles beweist mir, wie spannend „mein Arbeitsplatz" doch damals war! Wer hier nur Langeweile empfunden haben will, kann seinen Dienst meiner Meinung nach nicht auftragsgemäß versehen haben!
Trotz der Tatsache, dass die meisten der von mir zwischen 1983 und 1990 geleisteten Dienste für mich schließlich relativ ruhig verlaufen sind, so empfand ich die Streifentätigkeiten keinesfalls als „öde". Man musste jederzeit aufmerksam sein, Augen und Ohren weit offen halten. Ich brauchte kein Radio (dessen Benutzung im Dienst ohnehin verboten war), um mich nachts wach zu halten, dafür hatte ich viel zu großen Respekt: Zum einem vor den Vorgesetzten, die einen oftmals und in unregelmäßigen Zeitabständen aufsuchten (und letztlich kontrollierten) und zum anderen natürlich vor meiner Aufgabe, die eine bestmögliche Erfüllung forderte. Die stetige leichte Anspannung, die ich insbesondere bei den Nachtdiensten verspürte, half mir, die dunklen Stunden gut zu überstehen und die Müdigkeit weitgehend zu unterdrücken. Hatte ich trotzdem mal einen „toten" Punkt erreicht, so war ich sogleich wieder vollkommen fit, wenn ich plötzlich ein Geräusch vernahm. Und Geräusche gab es viele, man nahm sie insbesondere nachts viel intensiver wahr. Welchen „Lärm" doch allein schon ein umher schleichender Igel verursachen kann, das wußte ich bereits nach Ende der ersten Nachtschicht! Einen gehörigen Schrecken musste ich manches Mal während meiner Postierungen an der Bahnlinie Lübeck-Herrnburg erleben, wenn die Ruhe der Nacht jäh unterbrochen wurde durch eine Rotte Wildschweine, die sich mit fürchterlichem Getöse daran machte, über den wasserführenden Grenzgraben nach hüben oder drüben zu wechseln. Obwohl mir klar war, dass ich mich nicht in einer gefährlichen Lage befand, da ich auf einem Hochstand postierte, so pochte das Herz in solchen Momenten doch ganz schön auf Hochtouren...
Es gab auch „wohlerzogene" Wildschweine - Artikel aus der „LEP Am Morgen" Nr. 4 vom 06.01.1958
Auszug aus den LN Nr. 4 vom 05.01.1958
Und dann gab es da die Begegnungen mit dem wilden Borstenvieh während des Streifenmarsches, meistens auf dem Weg zwischen dem Gasthaus „Waldkrug" und den „Großen Schwedenschanzen", wo mein zu überwachender Grenzabschnitt endete. Dieses Zusammentreffen barg immer große Gefahren in sich, besonders in jener Zeit, wo die „Schwarzkittel" Nachwuchs (Frischlinge) dabei hatten. Ein Angriff, vor allem eines stattlichen Keilers, hätte böse, ja sogar tödlich ausgehen können.
Nicht besonders angenehm war es auch, wenn Nebel oder andere Bedingungen die eigenen visuellen oder akustischen Wahrnehmungen zum Teil erheblich beeinträchtigten. Ein ausgesprochen schlechtes Gefühl verspürte ich, bei stürmischem Wetter nachts durch den Wald zu gehen. Wären mir Menschen entgegen gekommen, ich hätte sie wohl erst bemerkt, wenn sie direkt vor mir erschienen wären. Es hätte sich auch jemand für mich unhörbar von hinten nähern können, denn das starke Rauschen der sich im Winde bewegenden Blätter/Äste und das Knarren der Baumstämme hätten jegliche Schrittgeräusche übertönt. Hier hieß es, sich ganz auf den Hund zu verlassen!
Und es gab sicherlich auch Schöneres, als bei extremer Kälte / Hitze, starkem Regen oder Gewitter durch die Gegend zu streifen – das ging oftmals ganz schön aufs Gemüt! Selbst eine nur 5-stündige Streife konnte dann zu einer kleinen Ewigkeit mutieren. Ja, es gab Momente, da hatte man die „Schnauze voll" und wünschte, man könnte recht bald wieder heim.
Aber ich erlebte auch sehr viele schöne Tage und Ereignisse; sie bestärkten mich in meiner Auffassung, den richtigen Beruf gewählt zu haben. Dazu zähle ich u.a. die teils sehr anregenden und interessanten Gespräche mit den unzähligen in- und ausländischen Grenzbesuchern, die meist noch sehr unerfahren waren was das Thema „Grenze" anbelangte. Wenn diese dann nach einer ausführlichen Grenzeinweisung wieder in Richtung Stadtzentrum gingen oder fuhren und ihr Wissen erweitert hatten, so freute ich mich darüber, dass ich ihnen hierbei helfen konnte.
Ja, wir „Grenzer" waren gern gesehen, nicht nur bei den vielen Gästen aus aller Welt, sondern auch bei der hiesigen Grenzbevölkerung. Wussten diese Anwohner doch die Präsenz des Zolls und BGS sehr zu schätzen, weil ihre Sicherheit durch die vielen Grenzstreifen erheblich erhöht wurde. Und auch mir gelang es hin und wieder, vom rechten Wege Abgekommene auf frischer Tat zu ertappen und diese schließlich der Landespolizei zu übergeben.
Zum anderen konnte ich mich für den Dienst in der Natur begeistern: Morgens den Sonnenaufgang ganz bewusst zu erleben und die vielen Tiere zu beobachten, die hier im „grünen Band" Deutschlands im Schutz des Grenzgebietes ihre Heimat hatten (bzw. immer noch haben), das alles war überaus schön und faszinierend. Ob nun z.B. Fuchs, Dachs, Ringelnatter oder der hübsche Eisvogel – sie konnten hin und wieder ganz aus der Nähe betrachtet werden. Wer sich für Flora und Fauna begeistern kann, der wurde hier fündig und innerlich tief befriedigt!
So schön die Naturbeobachtung auch ist, so musste sie jedoch sofort beendet werden, wenn die Lage an der Grenze es erforderte. Und so eine Situation konnte jederzeit eintreten, ob nun am Tag oder in der Nacht. Hin und wieder kam es vor, dass unkundige und/oder übermütige (teilweise auch angetrunkene) Menschen aus der Bundesrepublik die Grenze überschritten und sich auf DDR-Gebiet begaben. Sie mussten mit ihrer Festnahme durch DDR-Grenzsoldaten, insbesondere in Grenznähe befindlichen Grenzaufklärern und einer eventuellen Verurteilung durch ein DDR-Gericht rechnen. Es wurde dann seitens der Zoll- und/oder Bundesgrenzschutzbeamten versucht, diese Personen zur sofortigen Rückkehr auf das Bundesgebiet zu bewegen, wo sie dann nach Überprüfung ihrer Personalien eingehend in den Grenzverlauf eingewiesen wurden, um einen Wiederholungsfall zu vermeiden.
Viel aufregender waren aber jene Fälle, bei denen es um die Überwindung der Grenze von Ost nach West ging. Meistens haben wir westdeutsche Grenzbeamte nichts von den Bestrebungen dieser DDR-Bürger mitbekommen, da sie in der Regel noch im Hinterland oder dem ca. 5 km breiten Sperrgebiet von Kräften der Volks- oder Transportpolizei, der Grenztruppen oder ihren freiwilligen Helfern an der erfolgreichen Durchführung ihrer Bemühungen gehindert wurden. Nur ein kleiner Prozentanteil der Fluchtwilligen schaffte es in den so genannten „Schutzstreifen", der von westlicher Seite teilweise eingesehen werden konnte. Und die Chance, die Sperranlagen zu überwinden und die letzten Meter bis zur eigentlichen Grenzlinie unverletzt und erfolgreich zurückzulegen, war für diese Menschen ausgesprochen gering…
Umso schneller schlug mein Herz, wenn ich Zeuge eines Grenzalarms wurde! Ein solcher ereignete sich meist während der Nachtstunden. Was für eine Aufregung in meinem Innern, wenn ich plötzlich das Ertönen eines Signalhorns hörte und eine rote oder grüne Rundumleuchte signalisierte, dass irgendetwas oder irgendwer den Alarm ausgelöst haben musste. Es dauerte dann meist auch nicht lange, bis sich eine rege Streifentätigkeit bei der DDR-Grenztruppe entwickelte und diese alles in ihrer Macht stehende tat, um einen eventuellen „Grenzdurchbruch" nach Westen zu verhindern.
Es gibt Dinge, die brennen sich für immer in die Seele ein – diese damalige Trennlinie zwischen Ost und West hat es bezüglich meiner Person jedenfalls geschafft. Und das wird mir spätestens immer dann voll bewusst, wenn ich realisiere, dass ich mich in meinen Träumen mal wieder an „meiner" Grenze befunden habe – zusammen mit meinem Schäferhund „Arie", der seit dem 21.2.1995 nicht mehr lebt, der auf diese Weise aber immer noch gegenwärtig ist und mir die Überzeugung brachte, dass die LIEBE keine Raum- und Zeitbeschränkungen kennt.
Arie, mein Freund, ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass sich unsere Wege eines Tages wieder in Liebe kreuzen
„Arie" war nicht nur ein guter Zollhund, sondern aufgrund seiner Gutmütigkeit auch ein perfekter Familienhund. Ein ganz liebes Tier! Von seiner ausgeprägten Freundlichkeit haben sich auch unzählige Grenzbesucher überzeugen können.
Dieses Gedicht, "Freund auf vier Pfoten", ist Dir gewidmet, Arie
Mit schräg gestelltem Kopf schaust du mich an,
deine braunen Augen spiegeln deine Treue wider
Dein Blick zieht mich in deinen Bann;
als dein Freund knie ich mich vor dir nieder
Meine Hände streicheln sanft dein Fell,
welches ich mag so gern berühren
Ob tief-schwarz oder gelb und hell,
jedes einzelne Haar lässt mich deine Liebe spüren
Deinen ganz besonderen Duft mag ich sehr,
genüsslich atme ich ihn ein
Er verströmt dieses gewisse Flair;
deinen ganz persönlichen Sonnenschein
Nun lass mich DANKE sagen
für jeden einzelnen Augenblick mit Dir
Immer wieder tät ich´s wagen
dich zu nehmen als meinen Beschützer mir
Wir fassten zueinander Vertrauen,
als unsere Blicke zum ersten Male trafen sich
Wir versprachen, aufeinander zu bauen
und niemals zu lassen den Anderen im Stich
Und so war es bis zum letzten Tag,
den wir zusammen verbrachten
Was auch immer kommen mag,
ewig sehe ich in deine Augen, die uns zu besten Freunden machten
Auch Du, mein Arco, bleibst unvergessen. Unsere Zeit miteinander war leider viel zu kurz. Wir sehen uns wieder, mein Freund - irgendwo und irgendwann!
Dem DDR-Auswertungsvermerk ist u.a. zu entnehmen, dass die DDR-Grenztruppe wusste, dass der Zollbeamte Krellenberg zur Grenzaufsichtsstelle (GASt) Eichholz gehörte und dieser Schutzhundeführer (SHuF) war.
Fühle ich mich bezüglich des Falls des „Eisernen Vorhangs" nun als Gewinner oder Verlierer? Sowohl als auch, lautet meine aufrichtige Antwort. „Verloren" habe ich meinen Traum-Beruf, denn ich bin damals nur wegen des für mich sehr interessanten Dienstes an der Grenze zur DDR zum Zoll gegangen. Es war nicht einfach für mich, den Wegfall meines Aufgabenfelds innerlich zu akzeptieren, dafür war ich zu sehr mit dem Herzen bei der Sache. Und so brauchte ich eine längere Zeit, um mich in meinem nun anstehenden Tätigkeitsfeld im Hamburger Freihafen zurechtzufinden. Nun waren wieder die Kenntnisse im Zollrecht gefragt - Wissen, das mir im Laufe der vergangenen Jahre abhanden gekommen war oder welches ich nun nicht mehr gebrauchen konnte, da sich auf der gesetzlichen Schiene so manches geändert hatte. Ich musste genau genommen meinen dienstlichen Wissensstand vollkommen erneuern – ein „Upgrade" oder bloßes „Update" (wie man heute im „IT-Zeitalter" manchmal zu sagen pflegt) hätte nicht ausgereicht. Es ist eigentlich komisch: nach wie vor war ich Zollbeamter, aber dennoch war für mich das neue Tätigkeitsfeld ein ganz anderer Beruf, mit dem ich mich anfangs nur schwer identifizieren konnte. Zu oft musste ich feststellen, dass ich der Vergangenheit hinterher trauerte, und wahrscheinlich ging es manchen anderen, insbesondere den Berufssoldaten der DDR-Grenztruppe, die ihren Dienst ebenfalls gerne versehen haben, ähnlich wie mir. Auch sie fielen seelisch nicht selten in ein tiefes Loch, aus dem ein Wiederaufstieg oftmals gar nicht so einfach war. Es bedurfte schließlich nicht unerheblicher psychischer Kraft, um wieder mit aufrichtiger Freude in den (neuen) Berufsalltag zu starten.
Insofern bin ich natürlich auch ein Gewinner der „Wende", denn ich habe gelernt, dass man sich den Veränderungen stellen und diese meistern muss. Wie wichtig es ist, neue Erfahrungen zu sammeln und sich geistig weiter zu entwickeln, das hat mich jene Zeit nach dem Fall der Grenze ganz besonders gelehrt.
Trotz dieser Erkenntnis hat mich das Thema „Grenze" bis heute nicht gänzlich los gelassen. Wenn es meine Zeit erlaubt, so kehre ich gerne mal wieder dorthin zurück und schwelge in Erinnerungen. Dann gehe ich auch dort spazieren, wo einstmals die Soldaten der DDR-Grenztruppe nur wenige Meter vom Minenfeld entfernt entlang patrouillierten. Was für ein herrliches Gefühl, sich dort nun frei bewegen zu können, wo früher einmal „der Tod gelauert" hat. Ja, und deshalb bin nicht nur ich auch ein Gewinner der „Wende" – wir alle, die die Freiheit für eines der wertvollsten Güter im Leben halten, haben durch den Wegfall dieser so unmenschlichen Grenze gewonnen. Und dafür sollten wir immer dankbar sein!
Abfertigungscontainer für Zoll und BGS werden aufgestellt Dezember 1989
Arbeiten am Grenzübergang Lübeck-Eichholz/Herrnburg
Dezember 1989
Dezember 1989
16.12.1989 Grenzöffnung Herrnburg-Eichholz
Lübecker wollen nach Herrnburg
Juni 2009 - dort, wo früher einmal der Schlagbaum war
Kurz vor seinem Ende: Der BT 11 Nr. 1376, welcher gegenüber des Schlagbaum Eichholz stand. Im Hintergrund der BT(v)FP (Führungspunkt) Nr. 1375 der DDR-Grenztruppen
04.01.1990
4. Januar 1990 - der BT gegenüber des ehem. Schlagbaum Eichholz wird umgerissen
Am 16.12.2009 wurde die vor 20 Jahren erfolgte Öffnung der Grenze zwischen Lübeck-Eichholz und Herrnburg gefeiert. Es war schön, dabei gewesen zu sein. Viele Erinnerungen wurden wieder wach!
Manfred Krellenberg - von einem Grenzaufklärer fotografiert
Auswertungsvermerk der DDR-Grenztruppen zur obiger Fotoaufnahme
Zollhütte des Zollkommissariats Lübeck-Süd an der Ecke Brandenbaumer Landstaße / Behaimring , Höhe Rosenhof. Dieses Foto fertigte ein DDR-Grenzsoldat.
VW-Bus des Zolls an der Grenze. Fotoaufnahme eines DDR-Grenzaufklärers
Auswertungsvermerk der DDR-Grenztruppe: „Streifenfahrzeug des GZKom Ratzeburg mit zwei Antennensystemen"
Auch wenn der Zoll in der Regel nur Pistole und Maschinenpistole während des Grenzdienstes führte, gehörte das Übungsschießen mit dem Gewehr G3 zur Pflichtaufgabe für die Grenzaufsichtsdienstbeamten des GZD. Die Fotoaufnahme zeigt den Zollbeamten Krellenberg auf dem damaligen Schießstand in Stockelsdorf, Lohstraße
Zollbeamter Krellenberg im Deckungsstand beim Auswerten der Schießergebnisse
Dokument aus dem Jahr 1958: Aufenthaltsgenehmigung für Hans Waack, Urgroßvater von Manfred Krellenberg
DIE GRENZE
Du hast dich tief in meine Seele eingegraben, bist für alle Zeit in mir präsent Obwohl die Menschen wollten dich nicht mehr haben, zeigst du dich mir gegenüber als unzerstörbares Element
Auf deine Wiederkehr ist stets Verlass, gelegentlich träume ich von dir Nein, ich hege keinen Hass, weil du noch lebst in mir
Du bist schon längst Vergangenheit, dich braucht keiner mehr Doch fühle ich zu jeder Zeit, dass deine Existenz war folgenschwer
Im Traum streife ich auch heute noch an dir entlang, mein Zollhund ARIE ist stets mit dabei Grenzdienst vom Abend bis zum Sonnenaufgang, dann erst ist unsere Schicht vorbei
Wir halten Wacht für unser Land; es kann sich auf uns verlassen Das Fernglas stets in meiner Hand, um nicht einen Augenblick zu verpassen
Uns begleitet tiefe Einsamkeit, die Nacht will nicht zu Ende gehen Keine Abwechslung weit und breit, nur der endlos lange Zaun ist zu sehen
Ihr DDR-Grenzsoldaten da drüben im Osten, was mögt ihr jetzt wohl denken? Seid ihr hellwach auf eurem Posten, oder lasst ihr euch gerade von Träumen lenken?
Wenn ihr eure Augen öffnet, müsst ihr wie ich realisieren, dass diese Grenze existiert schon längst nicht mehr Aber es wird immer wieder erneut passieren, dass sie findet in unseren nächtlichen Gedanken Wiederkehr
(Manfred Krellenberg,23.01.2011)
D e r b l a u e B a l l o n
40 Jahre ist´s fast her, als ein blauer Ballon ging auf seine Reise Versehen mit meinem Namen und meiner Adresse verließ er Bad Schwartau still und leise Ich schaute ihm nach, wie er in die Wolken stieg und ich sagte: Flieg´, mein Ballon, flieg´
Begleitet von meinen Wünschen, entzog er sich meiner Welt Immer kleiner wurde er, als er flog in Richtung Himmelszelt Schon ließ er sich treiben von den Winden und ich fragte mich: mein Ballon, wer wird es sein, der dich wird finden?
Viele Wochen vergingen, der Weitflugwettbewerb schien vergessen, - längst hatte ich andere Interessen - als ich Post erhielt aus der Hansestadt Stralsund - dass mein Ballon wurde gefunden, tat der Brief mir kund!
In der DDR war er gelandet, am Fischland Darß´s Strand Du warst es, der meinen blauen Ballon fand! Freudestrahlend schrieb ich Dir zurück; Jens, meine Zeilen spiegelten wider mein ganzes Glück!
Die zwei Jahre Altersunterschied waren kein Problem und so ließ der blaue Ballon eine wunderschöne Freundschaft entsteh´n Wir schrieben uns regelmäßig, schickten uns auch manches Paket und waren füreinander das, was man als echten „Kumpel“ versteht
Jens, dass die Platte von Udo Lindenberg kam bei Dir nicht an, ich erst in der heutigen Zeit so richtig nachvollziehen kann Dass auch verboten war der für Dich bestimmte Zwanzig-D-Mark-Schein, hatte Mutter mir gesagt – und dennoch ließ ich es nicht sein
Die Widrigkeiten zwischen West und Ost gingen vollends an uns vorbei Ich hörte Dich, auch wenn die innerdeutsche Grenze sollte unterdrücken manchen Schrei Wie gern hätte ich Dir schon als Kind meine Hand auch körperlich gereicht - Manches wäre anders gekommen vielleicht
Welch´ große Freude tobte schließlich in mir, als ich war zum ersten Mal bei Dir! In Deinem Stralsunder Heim hast Du mich herzlich empfangen, wie schön, dass keiner von uns war in einem politischen Korsett gefangen
Wir haben die Wiedervereinigung gefeiert und gelebt, schon bevor diese seit 1990 real besteht Dass nach meinem Besuch fehlten sämtliche Aufkleber an meinem Opel Kadett, machte ein Lächeln von Dir auf so schöne Weise wieder wett
Ich weiß noch, wie ich zum ersten Male fuhr in einem Trabant und Du, Jens, hast mich dabei auf das Negativ gebannt Da saß ich nun am Steuer und als der Trabbi sich in Bewegung setzte, war mir nicht ganz geheuer
Mein Freund, es gibt so viele Geschichten, die uns verbinden Viel zu viele sind es, als dass sie könnten all´ Erwähnung finden in diesen Zeilen, die voller Liebe sind für Dich Wenn Du doch bloß könntest jetzt umarmen mich!
Mit 44 Jahren bist Du viel zu früh von dieser Welt gegangen Lange Zeit war ich in meiner Trauer gefangen, als man mir sagte, dass Dein Herz hat aufgehört zu schlagen
Jens, der blaue Ballon hat ewige Freundschaft zu uns getragen!
Dieses Gedicht ist Jens Behrens (1962-2006) gewidmet. In Stralsund hat er einst gewohnt In der Ostsee wurde er bestattet Und in der Tiefe meines Herzens bleibt er für immer!