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Dienst beim Zoll
 



Ich war 15 Jahre jung, als ich mich zum ersten Mal mit dem Aufgabenfeld eines Zollbeamten befasste. Die Tätigkeiten des Grenzzolldienstes, insbesondere des Grenzaufsichtsdienstes an der Grenze zur DDR, interessierten mich sehr. Die extreme Unnatürlichkeit dieser Grenze war es, die mich so außergewöhnlich faszinierte; sie übte einen besonderen Reiz auf mich aus und ließ mich 1980 den Entschluss fassen, mich beim Zoll zu bewerben.

Vielleicht fragt sich Mancher, warum nicht Bundesgrenzschutz (BGS, heute Bundespolizei)? Nun, ich hatte mich zuvor darüber informiert, dass der einzelne BGS-Beamte nicht täglich Grenzstreife gehen bzw. fahren konnte, da die Polizei des Bundes schon damals auch andere Aufgaben zu bewältigen hatte, u.a. Schutzmaßnahmen bei Demonstrationen. Ich zog den regelmäßigen Grenzdienst (beim Zoll) den (beim BGS) möglichen Konfrontationen mit „Krawallmachern" vor und hoffte zudem, in naher Zukunft einen Diensthund an meiner Seite zu haben. Möglichkeiten, „meinen" Traum zu verwirklichen, bot zu jener Zeit nur der Zoll und so war es schließlich ein großes Geschenk für mich, als ich die Einstellungszusage von der Oberfinanzdirektion Kiel erhielt.

Einstellung in den mittleren Grenzzolldienst

Im August 1981 begann die zweijährige Ausbildung mit einem dreimonatigen Einführungslehrgang an der Zollschule Rupprechtstegen. Hier galt es zunächst, sich mit den originären Aufgaben der Bundeszollverwaltung vertraut zu machen. Die zollamtliche Überwachung des Warenverkehrs über die Grenze mit allen daraus resultierenden Aufgaben und Tätigkeiten – das war wichtigstes Thema des Unterrichts. Welche immens große Bedeutung der Zoll als Einnahmeverwaltung des Bundes hat, das wurde uns Zollschülern hier erst so richtig bewusst. Mancher Unterrichtsstoff gestaltete sich zuweilen aber ziemlich „trocken" und wollte nur mit „Nachdruck" im Gedächtnis haften bleiben. Gleichwohl wissend, dass ich einen Großteil des Erlernten als Aufsichtsdienstbeamter an der Grenze zur DDR nicht mehr benötigen würde, so musste ich mir im Laufe der nächsten 24 Monate doch alle wichtigen Kenntnisse aneignen, um die Ausbildung erfolgreich abzuschließen. Und ich schaffte es und war unendlich froh und dankbar, als ich schließlich die Ernennungsurkunde zum Zollassistenten zur Anstellung erhielt.

Ernennung zum Zollassistenten zur Anstellung

Zudem hatte ich kurz zuvor erfahren, wo ich zukünftig meinen Dienst verrichten sollte: ich war wunschgemäß zur Grenzaufsichtsstelle (GASt) I Eichholz versetzt worden, wo ich bereits am 26. Juli 1983 meinen Dienst aufnehmen sollte. Ich hatte das Gefühl, auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen, da ich fortan jenes machen konnte, wozu ich ganz besonders große Lust hatte (im Gegensatz zu einigen anderen Kollegen, die – obwohl im Norden Deutschlands unweit der dänischen Grenze zu Hause – sich nunmehr genötigt sahen, Abschied von der Heimat zu nehmen und statt originäre Zollaufgaben nun vom Bundesgrenzschutz übertragene grenzpolizeiliche Aufgaben an der Grenze zur DDR wahrzunehmen. Für diese Kameraden brach nun die Welt zusammen).

Für mich fing mein Berufsleben jetzt erst richtig an. Der „aB" – so bezeichneten wir den "aufsichtführenden Beamten" der Grenzaufsichtsstelle – nahm sich meiner an und wies mich in den kommenden Tagen in den zu überwachenden Grenzabschnitt ein. „Kalle" Schöning´s überaus freundschaftliche und kameradschaftliche Art machte es mir leicht, sich bei dieser Dienststelle einzuleben. Nicht unerheblichen Anteil hatten daran auch die anderen Kollegen der beiden GASten Eichholz; sie nahmen mich herzlich in ihren Kreis auf und sorgten dafür, dass ich mich bei ihnen wohl fühlte.

Die nächsten Wochen ging es ausschließlich auf Doppelstreife, meist mit Maschinenpistole "MPi 5" (Heckler & Koch) ausgerüstet.  



Erst als sichergestellt war, dass ich mit dem Grenzabschnitt voll vertraut war, erhielt ich die Erlaubnis, den Grenzaufsichtsdienst allein und „nach Ermessen" zu verrichten. Wobei das „Ermessen" natürlich einen begrenzten Umfang hatte! War im Dienstbuch ein „Fr" (Frühdienst) vorgegeben, so konnte ich meinen Dienstbeginn zwischen 04.00 und 06.00 Uhr bestimmen. Bei „V" (Vormittagsdienst) war es mir freigestellt, bereits um 06.00 Uhr oder erst um 08.00 Uhr in Richtung Grenze auszurücken. Bei „N" (Nachmittagsdienst) konnte ich zwischen 12.00 und 14.00 Uhr wählen, wobei der Beginn des Dienstes während dieser 2-stündigen-Ermessensspielräume jeweils alle zehn Minuten (später dann abgeändert in 15-Minuten-Takt) erfolgen konnte. Auch war es mir weitgehend möglich, zu entscheiden, wie lange meine Dienstschicht dauern sollte. Minimum waren 5 Stunden, Maximum in der Regel 8 Stunden (bei besonderen Vorkommnissen konnte davon natürlich abgewichen werden). Man musste aber darauf achten, dass man das jeweilige Monatsdienstmaß, also die zu leistenden Tag-und Nachtdienststunden, auch annähernd erfüllte.

Um die 50 Nachtstunden (Dienstverrichtung zwischen 20.00 und 06.00 Uhr) musste jeder von uns monatlich an der Grenze verbringen. Diese Nachtschichten (es gab die "VM"-Schicht, Dienstbeginn zwischen 18.00 und 20.00 Uhr sowie die "NM"-Schicht, Dienstbeginn zwischen 23.00 Uhr und 01.00 Uhr) forderten dem Körper Manches ab. Erst 19-jährig, machte sich das bei mir aber noch nicht bemerkbar.

Leider konnte ich das meiste Wissen, das ich mir während der gerade erst abgeschlossenen Berufsausbildung angeeignet hatte, gleich „über Bord" werfen. Hier waren nun ganz andere Dinge gefragt, Sachen, über die wir in den Zollschulen nicht unterrichtet worden waren. Jetzt waren Kenntnisse über die DDR-Grenztruppen und deren Bewaffnung wichtig, ebenso musste ich mich nun mit den verschiedenen Landfahrzeug- und Hubschraubertypen des „Ostens" auskennen. Die einzelnen Wegepunkte im bundesdeutschen Grenzabschnitt galt es nun ebenso „im Kopf" zu haben wie die Bezeichnungen der Grenzsperranlagen der DDR. So hatte beispielsweise jeder Beobachtungsturm eine eigene Nummernbezeichnung, die es bei der Abwicklung des Funk- und Schriftverkehrs zu nennen galt. Glücklicherweise hatte ich mit dem Erlernen dieser „Materie" keinerlei Schwierigkeiten, da ich mich für alles, was mit dieser Grenze zusammen hing, sehr interessierte. Mag es auch so manchen Kollegen gegeben haben, der den Dienst hier absolut langweilig fand, so gelang es mir in all den Jahren, die ich hier Dienst verrichten durfte, immer wieder Neues zu entdecken.

Und in der Tat lag doch eine ganze Menge Spannung in diesem Raum; war hier doch nicht nur die Trennlinie zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR, sondern auch zwischen NATO und Warschauer Pakt. Hier prallten zwei große Blöcke aufeinander - Systeme, die einander nicht wohlgesonnen waren. Das Verhalten der DDR-Grenzsoldaten, die (befehlsgemäß) nicht einmal den ihnen dargebotenen Tagesgruß bei einer Begegnung an der Grenze erwiderten, verstärkte noch den Eindruck, dass man sich hier weniger als „Landsmänner" betrachtete, sondern vielmehr als „Gegner". Ein Aufeinandertreffen hatte einen ganz besonderen Reiz, manchmal war es sogar etwas unheimlich, wenn man sich plötzlich auf wenige Meter Entfernung gegenüber stand.

Begenung von ZOLL und GRENZTRUPPEN DER DDR

Wurde die Funksprechzentrale „Baldur" des Hauptzollamtes Lübeck-Ost bereits über die „normale" Streifentätigkeit der DDR-Grenztruppe laufend von uns Grenzaufsichtsdienstbeamten unterrichtet (z.B. „um 08.13 Uhr eine Zwei-Mann-Greso-Kradstreife auf dem bKW von Nord nach Süd den BT 1376 passierend"), so musste die Leitstelle natürlich auch sofort in Kenntnis gesetzt werden, wenn DDR-Grenzaufklärer in Erscheinung traten. Handelte es sich um bereits bekannte Soldaten der Grenztruppe, so waren diese in unserer „GAK"-Kartei mit einer Nummer versehen worden und wir meldeten dann z.B., dass der Hauptmann „Nr. 1" und Fähnrich „Nr. 7" unweit der DDR-Grenzsäule gegenüber Schlagbaum Eichholz postieren würden, bewaffnet mit Pistole Makarov und MPi Kalaschnikow Modell..., ausgerüstet mit Fernglas, Funkgerät UFT 771, Fotokamera Praktika mit Teleobjektiv usw.


Da ich auch einen Fotoapparat bei mir hatte, versuchte ich, die Soldaten der Grenztruppe auf das Negativ zu bannen. Sie machten es mir meist nicht leicht, sondern drehten sich weg oder setzten ihre Ferngläser vor die Augen, damit ihre Gesichter auf den Fotos nicht zu erkennen sein würden. Doch ich hatte Zeit und Geduld und wurde dafür in vielen Fällen auch belohnt. Wir haben, im Nachhinein betrachtet, „Katz und Maus" gespielt. Heute kann ich mich darüber herzlich amüsieren, aber damals war mir diesbezüglich nicht zum Lachen zumute! Ja, wir haben uns immer wieder auf das Neue gegenseitig abgelichtet und dabei derart ernst geguckt, als wären wir "Feinde".

Grenztruppen der DDR

Konnten wir westdeutschen Grenzer die DDR-Grenzsoldaten allein schon aufgrund ihres Standortes, ihrer Tätigkeit und ihrer Uniform als „zum Osten gehörig" identifizieren, so war es äußerst schwer, Personen aufzuspüren, die auf westdeutschem Territorium für die „Gegenseite" arbeiteten und hier bestimmte Dinge „aufzuklären" hatten. Regelmäßig wurden wir angewiesen, auch in dieser Hinsicht besonders wachsam zu sein. Sobald es da geringste Zweifel gab, ob die bei „XY" angetroffene Person wirklich nur ein „harmloser Spaziergänger" war, wurden die Personalien überprüft. Das wussten natürlich auch die entsprechenden Dienststellen in der DDR ... und hatten jene Leute zuvor dermaßen „vorbereitet", dass sie in der Regel einer normalen Kontrolle standhalten konnten.

Dass auch in meinem zu überwachenden Grenzabschnitt in dieser Hinsicht noch viel mehr los war, als wir damals ahnten, das erfuhr ich nach der „Wende" von einem ehemaligen Oberstleutnant, der in Herrnburg bei den DDR-Grenztruppen diente. Er bestätigte, dass gelegentlich Schleusungen vorgenommen worden sind und zeigte mir Fotos von einem Tunnel im Bereich der Palinger Heide, der es ermöglichte, Personen unterirdisch die Grenzsperranlagen passieren zu lassen und diese dann bis kurz vor die Grenzlinie zu bringen.


Es war an einem schönen Herbsttag, als meine aus Lübeck-Eichholz stammende Freundin (die am 10.2.1987 meine Ehefrau wurde) und ich wieder mal den Entschluss fassten, mit unseren Hunden an der Grenze spazieren zu gehen. Frisch verliebt und in unserer Freizeit befindlich, waren wir darauf bedacht, möglichst abseits der Wege zu gehen, um unter uns und damit ungestört zu sein.

Wir hatten eigentlich nur noch Augen für uns, als es plötzlich im dichten Buschwerk zu knacken anfing. Was kam da auf uns zu? Ein Wildschwein? Ein schlechtes Gefühl beschlich uns, denn ein Mensch konnte sich doch eigentlich unmöglich hierher „verirren"! Und dann sahen wir uns – zeitgleich. Meine ungläubigen und schreckhaften Blicke spiegelten sich in den Augen jenes Mannes wider, der da nun plötzlich vor uns stand. Es war ein Herr zwischen 50 und 60 Jahren, durchaus seriös aussehend, aber man konnte die „Panik" spüren, die er scheinbar hatte. Mit eiligen Schritten schoss er förmlich an uns vorbei, die braune Aktentasche, die er trug, mit festem Griff haltend.

Was mochte ihr Inhalt sein? Ich ahnte, was „Sache" war. „Der kommt direkt von drüben", dachte ich angesichts der nahen Grenze. Was folgte, war ein Griff in meine Jackentasche. Verdammt, den Dienstausweis, den ich ansonsten immer bei mir hatte, konnte ich nicht spüren; er lag zu Hause in der Wohnung. Wie gerne hätte ich jetzt gesagt: „Halt, Zoll! Bitte weisen Sie sich aus!" Aber ich konnte mich nicht als Amtsträger zu erkennen geben. Eine einfache Zivilperson war ich, ohne „besondere Rechte". Und mein Zollhund ARCO, den ich bei mir hatte, trug kein Zollhund-Kenngeschirr. Er war ebenso „privat" unterwegs wie ich. Ihn zum Einsatz bringen durfte ich nicht, denn der gemeinsame Grundlehrgang an der Zollhundeschule Bleckede war noch nicht absolviert.

Und gerade jetzt hätte ich so gerne gerufen: „Halt, Zoll! Halt, oder ich setze den Hund ein!"

Zollhund beißt zu

Nein, sich als Zöllner zu „outen", wäre sicher nicht ratsam gewesen, schließlich hatte ich weder Dienstpistole noch Funkgerät dabei. Was blieb übrig, als diesen Mann an uns vorbei zu lassen? Schlecht habe ich mich gefühlt, denn eine gründliche Personenkontrolle (insbesondere durch „gewisse" Dienststellen) wäre unzweifelhaft von Nöten gewesen! Wir konnten nichts anderes tun, als dem Mann möglichst unauffällig zu folgen. Und dann war er plötzlich weg, wie vom Erdboden verschluckt. Mein Verdacht, dass ich / wir jemanden angetroffen hatte(n), der kurz zuvor von Ost nach West über die Grenze geschleust worden war, erhärtete sich nach der „Wende" – denn der Ort der „Begebenheit" war unweit jener Stelle, wo der „Stasi-Tunnel" sich befand.

Nachtdienst an der Grenze – und mal wieder die „NM-Tour" (die Nach-Mitternacht-Schicht). Gut beraten war man, in den Stunden zuvor zu Hause etwas Ruhe und Schlaf gefunden zu haben, um nicht Gefahr zu laufen, frühzeitig die „Segel zu streichen", insbesondere bei Postierungen in den Schutzhütten. Und wer es sich dort allzu „gut" gehen ließ und den Heizbrenner ständig in Betrieb hatte, dem konnte die Wärme ganz schön zusetzen. Man musste daher immer für genügend Sauerstoffzufuhr sorgen. Da ich ohnehin nicht zur Kategorie der „Stubenhocker" gehörte und mitbekommen wollte, was sich „draußen" tat, verließ ich bereits nach kurzer Zeit den geschützten Ort, nahm meinen Hund und ging mit ihm „Patrouille". Es galt, „gute" Arbeit abzuliefern. Und die konnte man nach meinem Verständnis hauptsächlich direkt an der Grenze leisten. Hier sah man(n) was von „drüben" – und hier hörte man(n) jene Geräusche, welche den in den Hütten „postierenden" Kollegen eventuell entgingen. Nicht nur die Stimmen der Tierwelt waren interessant, sondern auch die gesprochenen Worte des „Gegners", die man hin und wieder gut vernehmen konnte. Bei bestimmten Bedingungen sogar auf relativ große Entfernung. Die Grenzaufklärer, die manchmal auch nachts „feindwärts" Dienst taten und sich nur wenige Meter entfernt von mir befanden, waren darauf bedacht, ihre Anwesenheit nicht zu verraten – aber die vielen anderen Soldaten (oftmals Wehrdienstleistende) unterhielten sich und schwatzten sich gelegentlich den „Frust vom Leib". Manches Wort konnte ich gut hören. Das Vernommene wies mich immer wieder darauf hin, dass drüben auch "nur" deutsch gesprochen wurde – unsere Muttersprache! Dennoch betrachteten wir uns als Gegner und hätten bei Eintritt bestimmter Situationen vielleicht sogar aufeinander geschossen.

Dass es „knallte", kam nicht selten vor. Dann hieß es, besonders aufmerksam zu sein und zu beobachten, was sich „drüben" tat. Oftmals waren es Handleuchtzeichen, die in die Höhe zischten. Was hatten sie zu bedeuten? Auch aus Langwaffen wurde hin und wieder gefeuert. Meistens wird Wild das Ziel gewesen sein. Aber da ich es nicht genau wusste, musste ich damit rechnen, dass nicht auf ein Tier, sondern auf einen Menschen geschossen worden war. Umso schärfer „spitzte" ich dann meine Ohren. Aufgrund des vielen Buschwerks war nur bedingt sichtbar, was sich auf der „anderen Seite" tat. Dennoch war es zumeist hörbar, wenn sich die Streifentätigkeit bei den Grenztruppen der DDR erhöhte. Was und ob tatsächlich etwas „los" war, entzog sich leider oftmals der Kenntnis von Zoll und BGS.

Herbst 1983: Ich schaue – wie schon so viele Male zuvor - nach „drüben", blicke in das Grenzgebiet der DDR. „Das" ist Teil meiner Aufgaben, welche ich hier – an der Trennlinie zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Demokratischen Republik – als Angehöriger des Grenzzolldienstes zu erfüllen habe.
„Ruhig" ist es; besondere Vorkommnisse kann ich nicht erkennen. Der Beobachtungsturm der DDR-Grenztruppen, welcher sich mir gegenüber befindet, ist – fast wie immer – mit zwei Grenzsoldaten besetzt. Unterhalb des "BT" steht ein Fahrzeug vom Typ Robur, Modell „LO".
Alltag an der Grenze.
Doch wie „grau" ist dieser Tag wirklich? Ich erkenne nicht die „Brisanz" dieser Stunden an jenem Tag im November 1983. Und im Nachhinein betrachtet bin ich dankbar und froh, dass ich von all „dem", was sich in den „oberen Etagen" von NATO und WARSCHAUER PAKT gerade „tut", keine Kenntnis habe. Siehe hierzu

https://www.deutschlandfunk.de/geschichte-das-gefaehrlichste-jahr-im-kalten-krieg.1148.de.html?dram:article_id=287682


„Able Archer" („geschickter Bogenschütze“) war in diesen Stunden etwas gewesen, zudem ich auf seinerzeitigem Befragen aufgrund Unwissenheit wohl nur mit den Schultern gezuckt hätte.
Im Herbst 1983 versah ich meinen Dienst „so", wie er sich im Regelfall bis zu den Ereignissen des 9.11.1989 gestaltete. Die Motoren der Flugzeuge, welche auch auf dem Gebiet der DDR mit laufenden Motoren bereit standen, um nach Erteilung entsprechenden Befehls in Richtung Bundesrepublik Deutschland zu starten, hörte ich nicht. Und ich sah auch nicht jene Atombomben / nuklearen Sprengsätze, welche sie mitführten.
Unsere Erde, unsere Welt, stand am Rande der Vernichtung.


Bereits in der Nacht zum 26. September 1983 war es zu einer Fehlfunktion des sowjetischen Raketenfrühwarnsystems gekommen. Fälschlich wurde ein Angriff mit fünf Interkontinentalraketen vom Gebiet der USA aus gemeldet. Das besonnene Handeln eines sowjetischen Oberstleutnants verhinderte einen nuklearen Gegenschlag. Während die Menschheit bzw. alles auf Erden befindliche Leben haarscharf an einer Katastrophe von größtem Ausmaß vorbeischlidderte, befand ich mich zeitweise an der innerdeutschen Grenze und meldete meiner Funkleitzentrale fleißig die Fahrzeuge der DDR-Grenztruppen, welche "drüben" zu sehen waren. "Keine besonderen Vorkommnisse" hieß es wahrscheinlich am Ende jener Tage im Herbst 1983 beim Lübecker Zoll und Bundesgrenzschutz...

Es war noch dunkel, als mein Kollege Wilhelm Steffen und ich am Morgen des 16.Januar 1984 an der Abschrankung Eichholz eintrafen. Zu einer Doppelstreife eingeteilt, hatten wir uns vorgenommen, hier kurz nach dem „Rechten" zu schauen, um dann das Denkmalschutzgebiet zu durchqueren und weiter in Richtung Schwedenschanzen zu marschieren.

Schnee bedeckte den Boden. Es knirschte bei jedem unserer Schritte unter unseren Füßen. Solange man in Bewegung blieb, spürte man die Kälte nicht so sehr. Gut, dass mein Kollege und ich geplant hatten, nicht schon jetzt eine längere Postierung einzulegen. Vor Ort schien alles in Ordnung. Wir waren kurz davor, den Bereich an der Abschrankung wieder zu verlassen, als ich meine Taschenlampe zückte und routinemäßig den Bereich hinter dem Schlagbaum ausleuchtete. „Schau mal – da sind Fußspuren im Schnee", sagte ich zu meinem Kollegen, nachdem die Lichtstrahlen auf die Abdrücke gefallen waren. So wie es aussah, hatte ein Mensch die Grenzlinie passiert und sich in Richtung Metallgitterzaun begeben. Wir versuchten festzustellen, ob es auch Spuren gab, die wieder in Richtung Bundesrepublik führten, konnten hier bzw. in der näheren Umgebung aber nichts entdecken.

Es war genau 07.26 Uhr, als ich zum Funkgerät griff und die Sprechtaste drückte. „Baldur von Baldur 2/56 kommen", kam es über meine Lippen. Mit erregter Stimme berichtete ich der Funkleitzentrale von unserer Sichtung. Klar war, dass wir nun von unserer Tagesplanung abweichen mussten, denn wir hatten jetzt weisungsgemäß vor Ort zu bleiben und zu beobachten, ob sich „drüben" etwas tat. Nachdem es hell geworden war, kam ein Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes angeflogen. Er blieb eine Zeit lang über uns in der Luft stehen. Von „oben" war zu erkennen, dass jemand das Minenfeld, welches zwischen den beiden Metallgitterzäunen lag, durchquert hatte. Da das Erdreich offensichtlich unversehrt war, hatte er dabei keine Mine zur Detonation gebracht.

Bevor wir uns nähere Gedanken darüber machen konnten, wie das möglich gewesen sei, kam nun diesseits des MGZ ein Geländewagen der DDR-Grenztruppen angefahren. Einer der Insassen stieg auf den „P3" und fotografierte aus dieser Position heraus die im Minenfeld zu sehenden Spuren. Zusammen mit anderen Grenzsoldaten kam er dann zur Grenzlinie, um auch hier „Beweise" zu sichern.

Was sich nun genau ereignet hatte, erfuhren wir schon kurze Zeit später - kehrte der „Grenzgänger" doch noch am selben Tag in die Bundesrepublik zurück.


Dass etwas „passieren" möge, habe ich so manches Mal gehofft, wenn ich in den Dienst ging. Nun, während der Tagesdienste gab es eigentlich oft was zu sehen (und entsprechend zu „melden"): Arbeiten an den Grenzsperranlagen, Grenzsoldaten auf dem vorgelagerten Hoheitsgebiet der DDR, Hubschrauber, Nichtbeachtungen Grenzverlauf durch Bundesbürger etc.
In den Nachtstunden sah das natürlich „anders" aus. Man(n) konnte kaum etwas von "drüben" erkennen, soweit nicht Lichtsperren einen Teil des Schutzstreifens erhellten. Und wenn die Augen „nur" noch Dunkelheit wahrnehmen, kommt ganz schnell Müdigkeit auf. Nun, bis 2 -3 Uhr war ich in der Regel „fit" – aber dann bekam auch ich schwere Augenlider. Um nicht Gefahr zu laufen, einzunicken, bin ich gar nicht erst längere Zeit in Schutzhütten geblieben. Habe meinen Hund genommen und bin – auch wenn es manchmal schwer fiel – trotz herrschender schlechter Wetterbedingungen Streife gegangen.

Ich erinnere mich an eine „NM"-Tour (Nach-Mitternacht-Schicht, 23.00 – ca. 06.00 Uhr), wo ich kurz nach 05.00 Uhr morgens glaubte, es gleich „geschafft" zu haben. Ich war körperlich schon "angeschlagen" und sehr müde. Dachte nur noch ans Bett… und dann, als ich gerade den Schlagbaum Eichholz verlassen wollte, nordöstlich meines Standorts eine LK (Leuchtkugel) "3-Stern-Rot" in die Höhe schoss.  Bedeutete diese "LK"  GRENZALARM? Ich wusste es nicht und konnte es nicht ausschließen.


Der schon im Auge gehabte Feierabend war nun dahin – statt den Heimweg zum Zollkommissariat einzuschlagen, galt es der Stelle, wo die Leuchtkugel(n) hochging(en), näher zu kommen und zu beobachten/lauschen, ob sich drüben etwas tut. Andere Streifen, auch in Lübeck-Schlutup, waren nicht unterwegs. Nun waren mein Diensthund und ich gefragt…. Und so liefen wir noch einmal los in Richtung Wald, wo schon bald (wieder) das Grunzen von Wildschweinen zu vernehmen war. "Besondere Vorkommnisse" waren aber nicht mehr festzustellen.

Wieder mal die NM-Tour (die nach Mitternacht-Schicht). Ich befand mich mit meinem Hund bei der Abschrankung Lübeck-Eichholz und wollte mich gerade in die dort befindliche GZD-Hütte begeben, um hier einen „kleinen Snack" und heißen Tee einzunehmen, als mich über Funk die folgende Aufforderung erreichte: „Baldur 2/56, wenn möglich, sofort über Draht kommen!". Nun, das war möglich; die nächste öffentliche Telefonzelle war nur etwa 150 m entfernt.
Und ich erfuhr, dass ein Mädel die Absicht hegte, Suizid zu begehen. Ihre Schwester hatte einen „Abschiedsbrief" gefunden und seinem Inhalt nach musste davon ausgegangen werden, dass das im Behaimring wohnende Mädchen sich im nahen Wald (Grenzbereich Lübeck/Herrnburg) erhängen wollte. Und nun sollten sich alle in der Nähe befindlichen Streifen an der Suche nach dieser jungen Frau beteiligen. Und so traf es auch mich. Als Zollhundführer bekam ich die Aufgabe übertragen, zusammen mit ZH-Führern aus Groß Grönau und Lübeck-Schlutup das Waldstück zwischen Behaimring (Lübeck-Eichholz) und Lübeck-Schlutup zu „durchkämmen". Nicht auf den Hauptwegen des Waldes (dort suchten Nicht-Hundeführer, auch der Landespolizei), sondern mitten drin. Mein Zollhund ARIE und ich taperten dann mitten zwischen den Bäumen, außerhalb der Wege, durch den Wald… in tiefster Nacht und tiefster Dunkelheit. Mögen doch bitte die Batterien der Taschenlampe „Saft" genug haben und nicht den „Geist" aufgeben, dachte ich. Und so ging es Meter um Meter voran. Die Schatten, die meine „Funzel" warf, waren unheimlich genug. Und so manches Mal meinte ich etwas zu erkennen, das einer aufgehängten Person glich…. ach, es war gruselig! Die Minuten wurden zu Stunden, die Stunden zu „Ewigkeiten". Ich sah nicht nur „Leichen", sondern auch Wildschweine, die es hier doch in größerer Zahl gab. Schweißdurchtränkt beendete ich die Nachtschicht, ohne das gesuchte selbstmordgefährdete Mädel entdeckt zu haben. Ja, ich war am Morgen „fix und fertig".
Und was hörte ich dann ein paar Tage später? Dem Mädchen ging es (glücklicherweise) gut; es hatte besagte Nacht bei einer Freundin verbracht und sich dort „ausgeheult"…

Im Laufe meiner  Dienstzeit an der Grenze zwischen Lübeck-Eichholz und Herrnburg habe ich auch das Vergnügen gehabt, in der Silvester-Nacht Streife laufen zu dürfen. Mir wurden dann vom Zollkommissariat Lübeck-Süd ganz viele Leuchtpatronen mitgegeben. Alles Patronen, die aufgrund der bisherigen Lagerzeit nun allmählich verbraucht werden mussten. Nun, das hat sehr viel Spaß gemacht. Einmal ging eine durch Wind abgetriebene Leuchtkugel (LK) über DDR-Gebiet herunter. Da hatte ich schon ein mulmiges Gefühl.

Als der Dienst dann am Morgen des 1. Januar zu Ende ging und ich "ableisten" wollte/musste (durch Unterschrift im Dienstbuch), da habe ich nicht mehr die Kraft gehabt, den Kugelschreiber zwischen den Fingern zu halten. Kein Gefühl mehr in der Hand - verursacht durch den Rückschlag der Leuchtpistole, die ich rund 200 Mal abgefeuert hatte. Die Unterschrift habe ich dann später nachgeholt, wobei ich dann auch die vollkommen verdreckte Leuchtpistole gereinigt habe (lange habe ich gebraucht, um diese wieder in blitzeblankem Zustand zu bekommen....).

Heiligabend - Manches Mal war dann auch ich im Dienst, ob nun freiwillig oder nicht. Hatte sich gar keiner der Kollegen gemeldet, um Streife zu gehen, wenn Andere feiern, wurde „Jemand" für den Dienst am 24. Dezember (bzw. Weihnachten, Silvester etc.) bestimmt. Den „Ledigen" wurde es eher zugemutet, das Heim gegen die Einsamkeit an der Grenze einzutauschen, als den Verheirateten bzw. Familienvätern. Und so traf es auch mich!

Um es vorwegzunehmen: ich bedaure nicht, zu diesen Zeiten „draußen" gewesen zu sein, wenngleich es auch eine gewisse „Härte" darstellte. Zugegeben: es wurde mir schon sehr schwer ums Herz, wenn ich meinen Dienst an der Grenze versah, während in meiner Nähe „Bescherung" war und Präsente ausgetauscht wurden. Manchmal konnte ich sogar in das eine und andere Wohnzimmer schauen, wenn ich die Straßen in Grenznähe bestreifte und meine Blicke in die Fenster wanderten. Und ich freute mich mit ihnen, vor allem mit den Kindern! Wie sie da vor dem „Weihnachtsmann" standen, ihr „Gedicht" aufsagten und voller Erwartungen auf Geschenke waren. Ich schlüpfte gedanklich in die „kleinen Wesen" und sah mich selber als Kind vor meinen lieben Eltern stehen. Um schon im nächsten Moment zu realisieren: ich bin ein Zollbeamter, der seinen Dienst jetzt an dieser Grenze versehen muss, während „alle Welt" feiert. Ja, ich fühlte mich dann sehr einsam und spürte Traurigkeit in mir - welche in manchem Jahr abgelöst wurde von einem Lächeln, das vom Herzen kam. Ein älteres Ehepaar aus Lübeck-Schlutup ließ es sich nicht nehmen, am Abend des 24. Dezember die Grenze zu bereisen und den angetroffenen Grenzstreifen ein Geschenk zu machen. Was für ein wundervolles Gefühl, nicht vergessen worden zu sein! Das Paket Marzipan, das ich erhielt, war an und für sich schon so viel wert, dass ich voller Freude strahlte. Aber dieses Gefühl der Verbundenheit, das diese Leute mir in diesen Augenblicken des Treffens vermittelten, ist nicht bezahlbar. Liebes Ehepaar aus Schlutup: ich kenne Ihren Namen leider nicht mehr. Aber lassen Sie mich hier und auf diesem Wege DANKE sagen für Ihren Besuch, für Ihre nette Geste, für das Gefühl, nicht ganz alleine gewesen zu sein an diesen Heiligabenden.

 
Unweit der Abschrankung Eichholz befand sich ein Altenheim. So mancher seiner Bewohner war schon sehr verwirrt. Nicht selten kam es vor, dass der Grenzverlauf ignoriert wurde. Meist ist alles klar gegangen. Es gab auch Situationen, wo DDR-Grenzaufklärer die alten Leute dann an die Hand nahmen, um sie uns Zöllner oder BGS-Beamten zu übergeben. Einer der Heimbewohner ist mir in besonderer Erinnerung geblieben. Körperlich angeschlagen, aber geistig fit, war er besonders im Sommer oft an der Grenze und unterhielt sich mit uns Grenzbeamten. Irgendwann muss er wohl mal nach einer alten Zollmütze gefragt haben. Einer unserer Kollegen ließ sich beschwatzen und schenkte ihm so ein ausrangiertes Teil. Und „Opa“ freute sich darüber! Verwunderung kam dann auf, als er diese Mütze nicht nur zum Angucken benutzte…

Viele Busse kamen jeden Tag zum Ende der Brandenbaumer Landstraße gefahren, um Besuchergruppen an die Grenze zum Schlagbaum Eichholz zu bringen. In der Regel wurden diese Menschen dann von Kräften des Zolls oder BGS in den Grenzverlauf eingewiesen. So eine „Unterweisung“ konnte schon mal eine gute halbe Stunde dauern, je nachdem, welches Interesse die Grenzbesucher zeigten. Es gab jedoch Zeiten, wo Zoll oder BGS nicht vor Ort waren. Das mussten sie ja auch nicht; schließlich betrieben diese Bundesbehörden eine „Grenzüberwachung“ und nicht „Grenzsicherung“ (wie die Grenztruppen der DDR). Und diese Zeiten ohne Zoll/BGS nutzte „Opa" nun aus, um sich mit der alten speckigen Zollmütze auf dem Kopf vor die Besuchergruppen zu stellen und „Geschichten" zu erzählen. Und das konnte er! Die Leute hörten ihm zu, wie er „vom Leder“ zog und sie ließen sich den Wind des „kalten Krieges" spürbar um die Ohren wehen. Als der Vortrag dann beendet war, nahm der „Grenzreferent", wie wir diesen älteren Herrn nannten, die Dienstmütze vom Kopf und bat um Spenden. Auch wenn nur einige Leute etwas gaben, so füllte sich die Mütze mit Münzen. Manchmal sah ich noch, wie er seinen „Lohn" zählte … und dann ging es ab zum nächsten Laden, wo er das Geld in Bier „umtauschte“.

Trotz der Tatsache, dass die meisten der von mir zwischen 1983 und 1990 geleisteten Dienste für mich schließlich relativ ruhig verlaufen sind, fand ich die Streifentätigkeiten stets sehr spannend. Man musste jederzeit aufmerksam sein, Augen und Ohren weit offen halten. Ich brauchte kein Radio (dessen Benutzung im Dienst ohnehin verboten war), um mich nachts wach zu halten, dafür hatte ich viel zu großen Respekt: Zum einem vor den Vorgesetzten, die einen oftmals und in unregelmäßigen Zeitabständen aufsuchten (und letztlich kontrollierten) und zum anderen natürlich vor meiner Aufgabe, die eine bestmögliche Erfüllung forderte. Die Anspannung, die ich insbesondere bei den Nachtdiensten verspürte, half mir, die dunklen Stunden gut zu überstehen und die Müdigkeit weitgehend zu unterdrücken. Hatte ich trotzdem mal einen „toten" Punkt erreicht, so war ich sogleich wieder vollkommen fit, wenn ich plötzlich ein Geräusch vernahm. Und davon gab es viele. Welchen „Lärm" ein umher schleichender Igel verursachen kann, das wusste ich bereits im Laufe der ersten Nachtschicht!

Einen gehörigen Schrecken musste ich manches Mal während meiner Postierungen an der Bahnlinie Lübeck-Herrnburg erleben, wenn die Ruhe der Nacht jäh unterbrochen wurde durch eine Rotte Wildschweine, die sich mit fürchterlichem Getöse daran machte, über den Wasser führenden Landgraben nach hüben oder drüben zu wechseln. Obwohl mir klar war, dass ich mich nicht in einer gefährlichen Lage befand, da ich auf einem Hochstand postierte, so pochte das Herz in solchen Momenten doch sehr „hochtourig". Und dann gab es die Begegnungen mit dem wilden Borstenvieh während des Streifenmarsches, meistens auf dem Weg zwischen dem Gasthaus „Waldkrug" und den „Kleinen Schwedenschanzen", wo mein zu überwachender Grenzabschnitt endete. Dieses Zusammentreffen barg immer große Gefahren in sich, besonders in jener Zeit, wo die „Schwarzkittel" Nachwuchs (Frischlinge) dabei hatten. Ein Angriff hätte unter schlimmsten Umständen tödlich ausgehen können.

Auch nicht besonders angenehm war es, wenn Nebel oder andere Bedingungen die eigenen visuellen oder akustischen Wahrnehmungen zum Teil erheblich beeinträchtigten. Ein ausgesprochen schlechtes Gefühl verspürte ich, nachts bei stürmischem Wetter durch den Wald zu gehen. Wären mir Menschen entgegen gekommen, ich hätte sie wohl erst bemerkt, wenn sie direkt vor mir erschienen wären. Es hätte sich auch jemand für mich unhörbar von hinten nähern können, denn das starke Rauschen der sich im Winde bewegenden Blätter/Äste und das Knarren der Baumstämme hätten jegliche Schrittgeräusche übertönt. Hier hieß es, sich ganz auf den Hund zu verlassen.


Und es gab sicherlich auch Schöneres, als bei extremer Kälte / Hitze, starkem Regen oder Gewitter durch die Gegend zu streifen – das ging oftmals ganz schön aufs Gemüt! Selbst eine nur 5-stündige Streife konnte dann zu einer kleinen Ewigkeit mutieren. Ja, es gab Momente, da hatte man die „Schnauze voll" und wünschte, man könnte recht bald wieder heim.

Aber ich erlebte auch sehr viele schöne Tage und Ereignisse - sie bestärkten mich in meiner Auffassung, den richtigen Beruf gewählt zu haben. Dazu zähle ich u.a. die teils sehr anregenden und interessanten Gespräche mit den in- und ausländischen Grenzbesuchern, die meist noch sehr unerfahren waren, was das Thema „Grenze" anbelangte. Wenn diese dann nach einer ausführlichen Grenzeinweisung wieder in Richtung Stadtzentrum gingen oder fuhren und ihr Wissen erweitert hatten, so freute ich mich mit ihnen.

Ja, wir „Grenzer" waren gern gesehen, nicht nur bei den vielen Gästen aus aller Welt, sondern auch bei der hiesigen Grenzbevölkerung. Diese Anwohner wussten die Präsenz des Zolls und BGS sehr zu schätzen, weil ihre Sicherheit durch die vielen Grenzstreifen erheblich erhöht wurde. Und auch mir gelang es hin und wieder, vom rechten Wege Abgekommene auf frischer Tat zu ertappen und diese schließlich der Landespolizei zu übergeben.

Noch kein Zollhundführer war ich, als mein Streifenpartner und ich (beide damals Zollassistenten zur Anstellung) in der Schutzhütte bei der Abschrankung Lübeck-Eichholz postierten. Kurz nach 02.30 Uhr morgens hörten wir es klirren. Wir nahmen unsere Ferngläser und schauten in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Und wir sahen zwei Personen, welche eine rund 150 Meter entfernte Telefonzelle beschädigten. Sie zerdepperten die Zelle sowohl von drinnen als auch draußen. Mein Kollege und ich verließen eiligst die Zollhütte und begaben uns im Laufschritt zu den „Bösewichten“. Auf halbem Wege riefen wir den Straftätern „Halt Zoll!“ zu. Unsere Aufforderung wurde jedoch nicht beachtet. Große Mühe hatten wir, den Tätern auf den Fersen zu bleiben. Aber wir schafften es trotz der mitgeführten Ausrüstung, den Abstand zu ihnen zu verkürzen. Sie wollten gerade in einem der Mehrfamilienhäuser im Huntenhorster Weg verschwinden, als wir sie eingeholt hatten. Wohl auch aufgrund der Maschinenpistole, die wir dabei hatten, packte sie die Angst; sie nahmen sofort die Hände hoch und ließen sich von uns widerstandslos festnehmen.

Aber ich konnte mich auch für den Dienst in der Natur begeistern: Morgens den Sonnenaufgang ganz bewusst zu erleben und die vielen Tiere zu beobachten, die hier im „grünen Band" Deutschlands im Schutz des Grenzgebietes ihre Heimat hatten (bzw. immer noch haben), das alles war überaus schön und faszinierend. Ob nun z.B. Fuchs, Dachs, Ringelnatter oder der hübsche Eisvogel: sie konnten hin und wieder ganz aus der Nähe betrachtet werden. Wer sich für Fauna und Flora interessiert, der wurde hier fündig und innerlich tief befriedigt.

So schön die Naturbeobachtung auch ist, so musste sie jedoch sofort beendet werden, wenn die „Lage" es erforderte. Relativ häufig kam es vor, dass unkundige und/oder übermütige (teilweise auch alkoholisierte) Menschen aus der Bundesrepublik die Grenze überschritten und sich auf DDR-Gebiet begaben. Sie mussten mit ihrer Festnahme durch DDR-Grenzsoldaten, insbesondere in Grenznähe befindlichen Grenzaufklärern und einer eventuellen Verurteilung durch ein DDR-Gericht rechnen. Es wurde dann seitens der Zoll- und/oder Bundesgrenzschutzbeamten versucht, diese Personen zur sofortigen Rückkehr auf das Bundesgebiet zu bewegen, wo sie dann nach Überprüfung ihrer Personalien eingehend in den Grenzverlauf eingewiesen wurden, um einen Wiederholungsfall zu vermeiden.

Alkohol und Grenze vertrugen sich nicht...

Viel aufregender waren jene Fälle, bei denen es um die Überwindung der Grenze von Ost nach West ging. Meistens haben wir westdeutschen Grenzer nichts von den Bestrebungen dieser DDR-Bürger mitbekommen, da sie in der Regel noch im Hinterland oder dem ca. 5 km tiefen Sperrgebiet von Kräften der Volks- oder Transportpolizei, der Grenztruppen oder ihren freiwilligen Helfern an der erfolgreichen Durchführung ihrer Bemühungen gehindert wurden. Nur ein kleiner Prozentanteil von ihnen schaffte es in den sogenannten „Schutzstreifen", der von westlicher Seite teilweise eingesehen werden konnte. Und die Chance, die Sperranlagen zu überwinden und die letzten Meter bis zur eigentlichen Grenzlinie unverletzt und erfolgreich zurückzulegen, war für diese Menschen ausgesprochen gering. Umso schneller schlug mein Herz, wenn ich Zeuge eines Grenzalarms wurde! Ein solcher ereignete sich meist während der Nachtstunden. Was für eine Aufregung in meinem Innern, wenn ich plötzlich das Ertönen eines Signalhorns hörte und eine rote oder grüne Rundumleuchte signalisierte, dass irgendetwas oder irgendwer den Alarm ausgelöst haben musste. Es dauerte dann auch nicht lange, bis sich eine rege Streifentätigkeit bei der DDR-Grenztruppe entwickelte und ihre Angehörigen alles taten, um einen „Grenzdurchbruch" zu verhindern.

Es gibt Dinge, die brennen sich für immer in die Seele ein –diese damalige Trennlinie zwischen Ost und West hat es bei mir geschafft. In manchem Traum befinde ich wieder an „meiner" Grenze, zusammen mit meinen Schäferhunden ARCO und ARIE. Sie leben längst nicht mehr, sind jedoch auf diese Weise für mich immer noch gegenwärtig.
Fühle ich mich bezüglich des Falls des „Eisernen Vorhangs" nun als Gewinner oder Verlierer? Sowohl als auch, lautet meine Antwort. „Verloren" habe ich meinen Traum-Beruf, denn ich bin damals nur wegen des für mich sehr interessanten Dienstes an der Grenze zur DDR zum Zoll gegangen. Es war nicht einfach für mich, den Wegfall meines Aufgabenfelds zu akzeptieren, dafür war ich zu sehr mit dem Herzen bei der Sache. Und so brauchte ich eine längere Zeit, um mich im Hamburger Freihafen zurechtzufinden. Nun waren wieder die Kenntnisse im Zollrecht gefragt - Wissen, das mir im Laufe der vergangenen Jahre abhandengekommen war oder welches ich nun nicht mehr gebrauchen konnte, da sich auf der gesetzlichen Schiene Manches geändert hatte. Ich musste meinen dienstlichen Wissensstand vollkommen erneuern – ein „Upgrade" oder bloßes „Update" (wie man heute im „IT-Zeitalter" zu sagen pflegt) hätte nicht ausgereicht. Dennoch war für mich das neue Tätigkeitsfeld ein ganz anderer Beruf, mit dem ich mich zunächst nicht so recht anfreunden konnte. Ja, ich trauerte der Vergangenheit hinterher. Wahrscheinlich ging es manchen damaligen Berufssoldaten der DDR-Grenztruppen ähnlich; auch von ihnen fielen einige in ein „tiefes Loch", aus dem ein Wiederaufstieg dann gar nicht so einfach war. Es bedurfte schließlich nicht unerheblicher psychischer Kraft, um wieder mit aufrichtiger Freude in den (neuen) Berufsalltag zu starten.

Insofern bin ich ein Gewinner der „Wende", denn ich habe gelernt, dass man sich den Veränderungen stellen und diese meistern muss. Wie wichtig es ist, neue Erfahrungen zu sammeln und sich geistig weiter zu entwickeln, das hat mich jene Zeit nach dem Fall der Grenze gelehrt. Trotz dieser „Erkenntnis" hat mich das Thema „Grenze" bis heute nicht losgelassen. Wenn meine Zeit es erlaubt, kehre ich gerne mal wieder in den ehemaligen Grenzraum zurück und schwelge in Erinnerungen. Dann gehe ich auch dort spazieren, wo einstmals die Soldaten der DDR-Grenztruppen entlang patrouillierten. „Sperrzone" und „Schutzstreifen" gibt es glücklicherweise nicht mehr. Wir alle, welche die Freiheit für eines der wertvollsten Güter im Leben halten, haben durch den Wegfall dieser so unmenschlichen Grenze gewonnen. Und dafür sollten wir immer dankbar sein! 


Weitere Informationen und viele Grenzfotos finden Sie hier:

http://www.manfred-krellenberg.de/171961.html

AUF  G R E N Z S T R E I F E


Der Wecker kommt nicht zum Einsatz. Noch bevor er mich aus meinen Träumen reißen kann, stelle ich ihn aus. Wieder mal habe ich ihn nicht gebraucht. Es ist 02.45 Uhr an diesem Tag im Jahre 1987. Für die einen ist es „mitten in der Nacht", für die anderen „früh am Morgen". Wie man es auch betrachtet: es ändert nichts an der Tatsache, aufstehen zu müssen. Nein, ich habe kein Problem damit – ein „Morgenmuffel" bin ich nicht! Was nicht heißen soll, dass ich nicht gern länger schlafe.

Um 03.40 Uhr habe ich meine Dienststelle, die Grenzaufsichtsstelle I Eichholz in Lübeck, Guerickestraße 2-4, erreicht. Alle Räumlichkeiten sind dunkel;  es ist kein anderer Kollege da. Ich schließe die Eingangstür hinter mir wieder ab;  sicher ist sicher. Stahlrute, Pistole, Munition, Signalpfeife, Verbandmaterial und Streifen-/Erkennungsmappe sind dem Spind zügig entnommen. Ab geht es zur sogenannten „Lade-Ecke“. Schon ist die 9 mm-Faustfeuerwaffe vorschriftsgemäß durchgeladen und kann in das Holster gesteckt werden.
Jetzt wird ein frischer Akku in eines der aus dem Schrank geholten Funkgeräte getan. Ich schaue auf den am „schwarzen Brett" befindlichen Zettel, der Aufschluss darüber gibt, wie die einzelnen Streifen sich bei der Sprechfunkzentrale während des laufenden Monats zum Dienstbeginn anzumelden haben. „Zigarettenmarke", ist zu lesen.

FUG 10a

„Baldur von Baldur 2/55 kommen", sage ich, nachdem ich die Sprechtaste des eingeschalteten Geräts (FUG 10a) gedrückt habe. „Baldur 2/55 von Baldur kommen", höre ich und antworte daraufhin mit der Nennung von bekannten Glimmstängeln. „Verstanden, Ende Baldur". Der Kollege hat es „gut"; in etwas mehr als zwei Stunden hat er Feierabend – und für mich fängt der Dienst erst an. Aber nein, so will ich es nicht sehen, schließlich gehe ich gern auf Streife. Auf „Patrouille" entlang der innerdeutschen Grenze – zwischen dem Lübecker Stadtteil Eichholz und der Ortschaft Herrnburg, welche sich auf der mecklenburgischen Seite dieser Trennlinie zwischen West und Ost befindet.

Mit meiner Unterschrift im Dienstbuch bin ich offiziell im Dienst. In einer viertel Stunde, wohlgemerkt. Nicht bereits jetzt, gegen 03.45 Uhr, denn der Frühdienst, der für heute angesetzt ist, darf laut bestehender Regelung nicht vor 04.00 Uhr begonnen werden. Und ist dieser Dienst angetreten, hat man(n) ganze 10 Minuten Zeit, um sich vorzubereiten. Dann muss die Dienststelle in Richtung Grenze verlassen werden. „Trödler" sollen so etwas „auf Trab" gebracht und daran erinnert werden, dass die warmen und trockenen Diensträume nicht dazu da sind, um hier länger zu verweilen. Nun, aus diesem Grunde bin ich auch heute bereits sehr früh hier, um mir jene Zeit nehmen zu können, die ich für eine gute Dienstvorbereitung benötige. Ich brauche nicht hetzen und lese mir die letzten Meldungen, die meine Kollegen in den Streifenmeldeblock geschrieben haben, sorgfältig durch. So wie es sich darstellt, ist wirklich Außergewöhnliches nicht dabei; lediglich die routinemäßigen Streifenfahrten/-gänge von den Angehörigen der DDR-Grenztruppen wurden dokumentiert.

Dann kann es ja nun gleich losgehen. Nein, doch noch nicht – zuvor muss ich mich entscheiden, wie lange mein Frühdienst gehen soll. Wenigstens fünf Stunden sind Pflicht, länger als acht Stunden nicht erlaubt, sofern besondere Vorkommnisse dies nicht rechtfertigen. Ich trage „11.30 Uhr" als voraussichtliches Dienstende in die vorgesehene Spalte des Dienstbuchs ein. Die Anzahl der während des Monats zu leistenden Tag- und Nachtdienststunden will schließlich erfüllt sein. Im Dienstbuch werden nun auch eine „Anlaufzeit" und eine „Postierungszeit" eingetragen. Vorgesetzte wollen/sollen/müssen wissen, wo bzw. wann sie mich in meinem zu überwachenden Grenzbezirk antreffen können, falls sie das zu tun gedenken.  Nun gut. 07.00 Uhr werde ich, sofern nichts „dazwischen“ kommt, an der Abschrankung Lübeck-Eichholz anzutreffen sein. Und mindestens in der Zeit zwischen 09.00 bis 09.30 Uhr beabsichtige ich, am Hochstand des Grenzzolldienstes bei der Bahnlinie Lübeck-Herrnburg zu postieren. Wenn, ja wenn alles normal verläuft. Aber was ist schon „normal" an dieser Grenze! „Sie" ist dermaßen unnatürlich, dass sie zu jeder Tages- und Nachtzeit etwas ganz „Außergewöhnliches" darstellt. Kann es einen interessanteren Arbeitsplatz geben?

Bevor ich aufbreche, kontrolliere ich, ob auch wirklich alles dabei ist, was ich benötige. Das Fernglas ist umgehängt, aber die Taschenlampe fehlt noch. Wenn es auch bald hell wird, so regiert doch noch die Dunkelheit. Die dienstlich gelieferte schwache  „Funzel" bleibt im Schrank. Ich greife lieber auf meine privateigene starke Halogen-Lampe zurück, falls Licht gebraucht wird. Die Fotokamera-Ausrüstung möchte auch noch mit - eine „Spiegelreflex“ mit 500 mm-Teleobjektiv.

Da ich einer Grenzaufsichtsstelle angehöre, die lediglich zu Fuß und/oder mit dem Fahrrad unterwegs ist, will gut überlegt sein, was man(n) alles mit sich führt. Die Kollegen, denen ein Dienstkraftwagen zur Verfügung steht, brauchen sich diesbezüglich weniger Gedanken zu machen. Ich schon! Jedes Gramm zusätzliches Gewicht macht sich bemerkbar. Und dennoch: was sein muss, muss sein. Dazu gehören auch die hohen Lederstiefel, die ich trage – zu jeder Jahreszeit. Nein, mit gewöhnlichen Halbschuhen gehe ich nicht los. Sollen die anderen Kollegen es ruhig machen, wenn sie das für angemessen halten. Ich denke da etwas anders drüber und weiß, dass ich eventuell auch dort entlang muss, wo es in das „Gelände" geht. Sollte ich Pech haben und auf eine Schlange treten, so würde mich ein eventueller Biss wahrscheinlich nicht schädigen. Allein schon aus diesem Grund sind die schweren Stiefel für mich unverzichtbar. Ich trage sie, auch im Sommer bei über 30 Grad im Schatten!

Fünf Minuten nach Vier. Ich verlasse die Räume der Grenzaufsichtsstelle I Eichholz, die sich im Gebäude des Zollkommissariats Lübeck-Süd befinden. Erste Anlaufstation ist der Hundezwinger im Kleingartengelände bei der Straße „An den Schießständen". In ungefähr 10 Minuten werde ich ihn erreicht haben. Doch heute dauert es etwas länger. Am Lebensmittelmarkt, welcher sich an der Ecke Gutenbergstraße/Hans-Sachs-Straße befindet, sehe ich eine rote Alarmleuchte blitzen. Nun, wahrscheinlich Fehlalarm. Dennoch schaue ich mir das Gebäude näher an. Mit der starken Halogen-Taschenlampe leuchte ich in das Innere des Geschäfts hinein – und sehe zwei Männer, die sich darin befinden. Einbrecher! Sekunden später wird meine Funkleitzentrale informiert. Es dauert keine drei Minuten, da rauscht der erste „Peterwagen"  heran. Ich verlasse diesen Ort, nachdem die Personen vorläufig festgenommen und in das Polizeiauto verbracht worden sind. Der Tag fängt ja „gut" an, denke ich.

Kurz vor Erreichen des massiven Gebäudes, wo einige Zollhunde des Zollkommissariats Lübeck-Süd untergebracht sind - auch meiner - höre ich plötzlich laute Geräusche. Mit fürchterlichem Krach flitzen ungefähr 20 Meter vor mir zwei Wildschweine aus dem Gebüsch und suchen das Weite. Spätestens jetzt wäre auch die größte „Schlafmütze" wach gewesen! Ja, das war ein gehöriger Schrecken! Glück gehabt, dass diese Situation glimpflich verlief, denn mit „Schwarzkitteln" ist nicht zu spaßen.



Als ich jene Tür aufschließe, die mich noch von meinem Diensthund ARIE trennt, fällt aller Ballast von mir ab – endlich bin ich wieder mit meinem vierbeinigen Freund vereint, sind wir zusammen und können wieder gemeinsam auf Streife gehen. Das freudige Gebell meines privateigenen Diensthunds lässt keinen Zweifel daran, dass auch ARIE so denkt. Mit einem „Affenzahn" saust er umher und springt mich immer wieder an, so glücklich ist er. Ja, das bin auch ich! Es gibt kaum Schöneres, als diese Momente, die auf diese Weise zum Ausdruck bringen: WIR GEHÖREN ZUSAMMEN!

ARIE

„Komm, mein Freund; ich mache jetzt erst mal deinen Zwinger sauber“, sind meine weiteren Gedanken. Soweit es überhaupt möglich ist, soll er sich hier einigermaßen wohl fühlen. Dass seine Schlafstätte gut gepolstert ist, gehört für mich dazu. Der Wassernapf wird neu gefüllt und das Trockenfutter, das er später zusammen mit seinem geliebten „Pansen" erhält, jetzt soweit vorbereitet, dass es nachher, bei Dienstschluss, servier-fertig ist.  Die anderen Hunde, die sich in dieser Zwingeranlage befinden, tun mir leid. Auch sie möchten endlich raus, möchten sich bewegen. Ach, ich würde sie gern alle mitnehmen! Aber leider darf sich jetzt nur mein ARIE freuen. Alle anderen Tiere  müssen sich noch etwas gedulden, bis auch ihr „Herrchen" erscheint und sie „holt". Möge es recht bald geschehen.

Gute fünfzehn Minuten später erreichen ARIE und ich den Behaimring. Keine Menschenseele weit und breit zu sehen, obwohl hier viele Leute wohnen.   

Man sagt, dass die Zöllner alle „Sträucher in ihrem Beritt" kennen – ja, so ist es tatsächlich. Wer fast täglich in einem relativ kleinen Bereich unterwegs ist, weiß, wie es dort aussieht und was dort hingehört. Das ist der Vorteil des Zolls! Im Gegensatz zu den Beamten des Bundesgrenzschutzes, die nur wenige Male im Monat in den Grenzdienst gehen und dann einen meist viel größeren Bereich zu bestreifen haben, so sind die Angehörigen des Zolls doch viel besser mit den Örtlichkeiten vertraut.

Schon ist der Bereich an der Abschrankung Lübeck-Eichholz erreicht. Wenngleich es auch zu dämmern beginnt, so ist es doch noch ziemlich dunkel. Das, was ich sehe, ist nicht viel. Wie gut, dass ich mich auf meinen Zollhund verlassen kann. Er ist so viel mehr als „nur" Diensthund – er ist mein bester Freund! Sollte dort, wo wir uns jetzt gemeinsam hinbewegen, etwas sein, so wird er es anzeigen; ich muss nur darauf achten, wie er sich verhält. Wenn er etwas im „Blick“ hat, dann lässt er es mich wissen!

Ihn bei mir zu haben, ist im Grunde genommen viel wertvoller als die Anwesenheit eines menschlichen Kollegen. Hunde nehmen gewisse Dinge wahr, die wir Menschen nicht oder erst viel später registrieren würden. Ein Zollbeamter, der allein mit seinem „Beschützer" unterwegs ist, ist in der Regel eine viel wertvollere Streife, als ein Trupp von Zoll- oder Bundesgrenzschutz-Beamten ohne Hund. Während es bei mehreren Leuten wohl kaum ausbleibt, dass man sich miteinander unterhält (was von „gegnerischen" Kräften auf relativ große Entfernung hörbar ist, insbesondere während der Nacht), so sind Zöllner und Zollhund ein Team, das sich auch ohne „Geplapper“ versteht. Und wer etwas mitbekommt, ohne zuvor wahrgenommen worden zu sein, ist der Gewinner.

ARIE ist entspannt. Nichts deutet darauf hin, dass sich unmittelbar vor mir Grenzsoldaten auf dem „vorgelagerten Hoheitsgebiet" der DDR befinden. Vermutlich die nächsten sind Jene, die ich nun durch mein Fernglas betrachte. Sie postieren auf dem Beobachtungsturm „1376“, wie der „BT", welcher gegenüber des sogenannten „Schlagbaum Eichholz" steht,  von Seiten des Zolls und BGS bezeichnet wird. Ihre Umrisse sind in meinem Nachtglas nur schemenhaft zu erkennen. Und doch sind es Menschen – wie ich. Mit all ihren Sorgen und mit all ihren Wünschen und Hoffnungen. Es sind Deutsche, Landsmänner – auch wenn sie auf der anderen Seite dieser Grenze dienen. Aber diese Soldaten haben einen Auftrag, der in bestimmten Bereichen „konträr“ zu meinem steht. Würden wir aufeinander schießen bei Eintritt bestimmter Situationen? Ich befürchte ja!

Nordöstlich meines Standpunkts rauscht eine „LK 1-Stern-Rot" in den Himmel. Was mag sie bedeuten? Was ist drüben los – was ist der Grund für die Abgabe dieses Leuchtsignals? Es ist sehr schwer, die Entfernung zu schätzen, von wo aus die Leuchtkugel(n) abgeschossen wurden. Auf jeden Fall ist es erforderlich, jetzt zu beobachten, was sich „drüben" tut, was sich dort nun ereignet. Um auf die ungefähre Höhe des „LK-Verschusses" zu kommen, wechsle ich meinen Standort und betrete das sogenannte „Denkmalschutzgebiet", das sich nördlich der Abschrankung Eichholz befindet. Doch ich sehe und höre nichts und das große FRAGEZEICHEN bleibt bestehen.

Die Dienstanweisungen sind verpflichtend und veranlassen mich, meiner Funksprechzentrale Kenntnis zu geben über dieses Vorkommnis. Ich bleibe vor Ort und beobachte/"lausche" weiter, doch hat durch diesen Funkspruch  spätestens jetzt auch die Gegenseite Gewissheit darüber, dass sich eine Streife des Zolls im Raum Lübeck-Eichholz befindet - sofern die in Selmsdorf befindlichen Funkaufklärer der DDR-Grenztruppen nicht „schlafen“.

Obwohl nichts mehr zu vernehmen ist, verbleibe ich mit meinem Hund unweit der Grenzlinie. Das ist meine Aufgabe, hierzu fühle ich mich verpflichtet. Mag es auch den einen und anderen Kollegen geben, der nun die Ruhe finden würde, um es sich in einer Schutzhütte „gemütlich" zu machen; auf mich trifft das nicht zu.

Die Streifentätigkeit der DDR-Grenztruppen wird nicht verstärkt. Und dennoch will der Gedanke nicht weichen, dass da „etwas" ist bzw. gewesen sein könnte – dass sich irgendwo dort, nicht allzu weit von mir entfernt, eine Tragödie vollzieht, von der ich keine Kenntnis erhalte. Das nehme ich mit. Auch im Jahr 2019 werde ich all das, was ich im Laufe meiner Grenzdienstzeit erleb(t)e, nicht vergessen haben. Tief brennt sich Manches ein!

Die „Anlaufzeit" halte ich ein.  Punkt 07.00 Uhr bin ich an jener Abschrankung, welche im Jahr 1958 von westdeutscher Seite errichtet wurde, um kenntlich zu machen: bis dort und nicht weiter; hier ist die Grenze. Wer das ignoriert, begibt sich in Gefahr, kann von Kräften der DDR-Grenztruppen festgenommen werden. Und eine Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe durch ein Gericht der DDR könnte die Folge sein.

Gegen 08.00 Uhr trifft eine andere Zollstreife ein und löst uns ab. Wenngleich es auch keine Pflicht ist, diesen Raum rund um die Uhr zu besetzen, so ist es doch von Vorteil, eine Streife des Zolls oder Bundesgrenzschutzes vor Ort zu haben. Viel zu viel hat sich bei diesem Besucher-Schwerpunkt bereits ereignet.

Nach Lageberichterstattung und kurzer Unterhaltung mache ich mich auf in Richtung Bahnlinie Lübeck-Herrnburg. Mein vierbeiniger Freund markiert hin und wieder „seinen" Abschnitt, während ich gelegentlich nach „Osten" blicke und versuche, alles im Griff zu behalten. Dann wird der Hochstand an der Bahnlinie Lübeck-Herrnburg erreicht. Von hier aus hat man einen guten Überblick auf das Geschehen im hiesigen Grenzraum -  den besten im mir zugeteilten Abschnitt.


Gegen 09.30 Uhr sehe ich, wie ein Streckenläufer der DDR-Reichsbahn sich in Begleitung von zwei Grenzsoldaten auf dem Gleis auf die Grenzlinie zubewegt. Kurz vor der Grenze bleiben die Soldaten stehen. Der Streckenläufer der Reichsbahn überquert allein die Grenze, um das unweit der Grenze, aber auf Bundesgebiet befindliche Vorsignal zu begutachten/kontrollieren.

„Guten Morgen", sage ich und nehme zum Gruß die rechte Hand an meine Dienstmütze, als wir uns gegenüberstehen. Ein angedeutetes Kopfnicken und ein Zwinkern in seinen Augen sind seine Antwort. Ja, ich weiß, „viel mehr" ist nicht drin. Weder für den Reichsbahner, noch für die beiden DDR-Grenzsoldaten. Aber das allein bedeutet mir schon sehr viel und lässt mich glauben, dass uns im tiefsten Innern mehr verbindet, als trennt.


Die Zeit ist gekommen, um wieder in Richtung „Schlagbaum Eichholz" zu marschieren. Der Kollege, der dort postiert, möchte auch mal fort von hier und sich „bewegen". Während dieser sich nun aufmacht, um den Grenzbereich Richtung Schlutup zu bestreifen, übernehmen ARIE und ich hier die Wache. Dass es gut ist, „präsent" zu sein, beweisen die vielen Besucher, die zum Ende der Brandenbaumer Landstraße kommen. Mancher Bus fährt heran und „speit" Menschen aus, die sich einen Eindruck von Jenem verschaffen möchten, was sich an Ort und Stelle tut. Nun heißt es,  die angekommenen  Gäste zu begrüßen, Grenzinformationsmaterialien zu verteilen, in den Verlauf der Grenze einzuweisen, etwas zur Entstehung der Grenze zu sagen, regionale Grenzgeschichten zu erzählen und als „Fotomotiv“ zu dienen. Während die Kameras klicken, höre ich zum x-ten Male den Begriff "Niemandsland".  Ja, auch dazu bin ich hier: um den Grenzbesuchern zu erläutern, dass es ein solches nicht gibt. Doch nicht zuletzt stehen mein Diensthund und ich hier, um dafür zu sorgen, dass nichts passiert und keiner durch Unachtsamkeit oder leichtsinniges Handeln zu Schaden kommt. „Nichtbeachtungen des Grenzverlaufs" bleiben aus und die Leute kehren zufrieden zu den Bussen zurück. Ich schaue auf die Uhr und sehe, dass es auch für ARIE und mich Zeit ist, zu gehen. Gleich ist „Feierabend“.

Doch „Schluss" ist noch lange nicht. Viel zu tief hat sich das im Laufe der Jahre Erlebte in die Seele eingegraben, als dass ich wirklich „abschalten“ könnte. Sie, die Grenze, wird mich begleiten – in vielen Träumen, auch über  den 9. November 1989  und 3. Oktober 1990 hinaus. Und meine Freunde ARIE und ARCO, die sind immer dabei.


Meine erste Streife an der Grenze zur DDR

Einen kurzen „Sonderurlaub“ hatte ich zuvor genossen, als ich am Dienstag, den 26.7.1983 meinen Dienst bei der Grenzaufsichtsstelle I Eichholz antrat. Die Ausbildung zu einem Beamten des mittleren Grenzzolldienstes war mit dem Bestehen der letzten Prüfungen in der vergangenen Woche abgeschlossen worden. Zwei Jahre Ausbildung, zuletzt in den Räumlichkeiten der Zollschule Bad Gandersheim, lagen hinter mir als ich nun meinem Wunsch bzw. meiner Bewerbung entsprechend meinen Dienst an der Grenze zur DDR aufnahm.

Die Grenzaufsichtsstelle (GASt) I Eichholz war im Zollkommissariat Lübeck-Süd in der Guerickestr.2-4 befindlich. Auf dem Areal befand sich nicht nur das eigentliche Kommissariats-Gebäude; es gab dort noch einige weitere „Baracken“, in denen auch Zollanwärter ausgebildet und untergebracht wurden.
Als Zollanwärter fühlte ich mich nicht mehr, obwohl ich eigentlich noch einer war. Gewiss, ich hatte die Ausbildung absolviert und alle Prüfungen bestanden – aber den Rang „Zollassistent zur Anstellung“ verdiente ich erst ein paar Tage später, ab 1. August 1983.

Und als „Zollanwärter bzw. abgekürzt „ZAnw“ unterschrieb ich den „Lieferschein“, als ich von Zollsekretär B. meine persönliche Ausrüstung in Empfang nahm. Da hielt ich sie nun in meinen Händen, die 9mm-Pistole SIG SAUER „P 6“ mit der Seriennummer 608043.
Zwei Magazine und 12 Patronen dazu, ferner den dazugehörigen Pistolenkarton mitsamt „Anschuss-Bild“ und Kurzbeschreibung. Ich quittierte mit meiner Unterschrift gleichzeitig den Empfang von Pistolenholster, Ersatzmagazin-Etui sowie Stahlrute mit Holster.


Die Räumlichkeiten der Grenzaufsichtsstelle I und II Eichholz hatte ich mir im Einzelnen noch gar nicht genau angeschaut, als ich diese erstmalig verließ, um Grenzaufsichtsdienst zu verrichten – „GAD“ an der Grenze im Raum zwischen dem Lübecker Stadtteil Eichholz und den mecklenburgischen Ortschaften Herrnburg und Palingen.

Karl-Heinz Schöning, der aB (aufsichtsführende Beamte) der GASt I Eichholz, ließ es sich nicht nehmen, persönlich seinen neuesten und jüngsten „Mann“ in den Grenzbereich einzuweisen. Wir gingen nach Verlassen der „GASt“ bzw. des „ZKom-Bereiches“ die Guerickestraße entlang in Richtung der Kleingartenanlage, welche sich ganz in der Nähe befand. Hier auf dem Gelände gab es einen Zollhundezwinger. Und in ihm befand sich u.a. Zollhund HASSO, welcher meinem „aB“ gehörte. Der Schäferhund begleitete uns nun auf den Weg in Richtung Grenze.
Der Bereich der Kleingärten war durchschritten, als wir den „Heiweg“ erreichten. Wir querten die Straße Kirschenallee / An den Schießständen und begaben uns in das Waldgebiet des Wesloer Forsts.
Nach rund einer viertel Stunde Fußmarsch kamen wir zum "FKK-Gelände", das sich an seinem ostwärtigen Ende genau am Landgraben und damit an der Grenzlinie zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Demokratischen Republik Deutschland befand. Hier war der nördlichste Punkt „meines“ Grenzabschnittes, den ich zukünftig zu bestreifen bzw. zu „überwachen“ hatte. „Links“ davon bzw. nördlich vom FKK-Gelände waren andere Kollegen für die Grenzüberwachung zuständig, für den Zoll betreffend die Kollegen der GASten Schlutup-Nord und Schlutup-Süd bzw. der GASten (mot) Lübeck-Süd und „A“ (Ausbildung). Nur wenn es mal von Nöten war, den Bereich nördlich des FKK-Geländes zu bestreifen (z.B. wenn keine Zollstreife in diesem Raum unterwegs war und Ereignisse – z.B. bei Anzeichen für „Grenzalarm“ – es erforderlich erscheinen ließen, nach dem „Rechten“ zu schauen) sollten wir Angehörigen der GASten Eichholz uns dorthin begeben. Im „Normalfall“ war der Bezirksbereich zu beachten bzw. einzuhalten. Die „Kleinen Schwedenschanzen“, die sich nördlich des FKK-Geländes anschlossen, ließen wir deshalb nicht nur sprichwörtlich „links liegen“.

Und so nutzte ich die Gelegenheit, jenen Schlüssel auszuprobieren, den ich am Morgen dieses Tages bekommen hatte. Ja, „er“ passte. Und so traten wir, die Doppelstreife mit Zollhund, in jenen Raum, wo „Freikörper-Kultur“ betrieben wurde.
Ob wir „Nackte“ sahen, entzieht sich meiner Erinnerung. Aber ich weiß, dass wir unweit des Grenzgrabens weiter in südliche Richtung – Richtung Lübeck-Eichholz – gingen. Vorbei an einigen Wohnwagen, welche nun den „Nackedei-Freunden“ als Unterkunftsbereich dienten.
Hätte ich zu dieser Zeit bereits gewusst, dass ganz in der Nähe ein Tunnel auf DDR-Seite war, der u.a. zum Schleusen von Personen genutzt wurde, so hätte ich fortan ein wesentlich größeres Augenmerk auf diese Örtlichkeit gelegt und mich dort öfter mal „auf die Lauer“ gelegt…

Als wir kurze Zeit später den Hochstand des Grenzzolldienstes bei „Schneiders Wiesen“ erreichten und uns dort für eine Weile niederließen, um zu „postieren“, fragte ich mich zum ersten Male, ob dieser „Punkt“ geeignet ist, um dort längere Zeit zu verweilen. Aufgrund der Bäume, die unweit des Landgrabens / Grenzgrabens im Laufe der Jahre in die Höhe gewachsen waren und die Sicht nach „drüben“ nahmen, konnte man(n) eigentlich nur „hören“, wenn auf DDR-Seite ein Fahrzeug den Kolonnenweg entlang fuhr – visuell wahrzunehmen war eigentlich kaum etwas, sofern es sich nicht um abgefeuerte Leuchtkugeln oder um patrouillierende Hubschrauber des „Warschauer Pakts“ handelte.
Hmm – ziemlich „langweilig“ hier, dachte ich und hoffte, dass wir baldmöglichst die Streife in Richtung Lübeck-Eichholz fortsetzen würden. Und es kam der Moment des Aufbruchs. Jedenfalls wusste ich nun, welche „Nummerbezeichnung“ dieser Hochstand des Grenzzolldienstes hatte. Diese Nummer mussten wir am Ende der Streife im Dienstbuch vermerken und Auskunft darüber geben, wie lange wir uns dort aufgehalten hatten.

Weiter ging es in südliche Richtung. Der Weg führte uns mal etwas näher und mal etwas ferner vom Grenzgraben entlang. Dann erreichten wir den Behaimring und nach Durchschreiten desselben den Bereich an der Abschrankung Eichholz.
Ob ich mir zu diesem Zeitpunkt bereits bewusst war, dass ich hier fortan den Großteil meiner Zeit als Angehöriger der Grenzaufsichtsstelle (I) Eichholz verbringen würde, weiß ich nicht mehr. Da bereits eine andere Streife des Grenzzolldienstes hier, am Ende der Brandenbaumer Landstraße, postierte, verließen wir nach „Kontaktaufnahme“ und „Plausch“ diesen „Besucher-Schwerpunkt“. Entlang des Landgrabens führte unser weiterer Streifenweg zur Bahnlinie Lübeck-Herrnburg. Hier hatte der Grenzzolldienst einen weiteren Hochstand gebaut / aufgestellt. Und von diesem Punkt aus konnte man den hiesigen Grenzbereich ganz besonders gut in Augenschein nehmen.

Während unserer Dauer der Postierung sahen wir einige Streifen der DDR-Grenztruppen und diese waren gemäß Anweisung zu „melden“. Erstmalig nahm ich das Funkgerät zur Hand, um der Zoll-Sprechfunkzentrale BALDUR von unseren Beobachtungen zu berichten. Den gesehenen „GT“ (Grenztrabant bzw. Trabant P 601 A) meldete ich genauso wie den „Robur LO“ oder die Kradstreife, welche auf dem Kolonnenweg entlang fuhr. Dass diese Weise der „Berichterstattung“ nicht unbedingt zu unserem Vorteil war, ahnte ich damals noch nicht. Ich wusste nicht von der Existenz der Funkaufklärer der DDR-Grenztruppen, welche vom nahen Selmsdorf aus den Sprechfunk der bundesdeutschen Grenzüberwachungskräfte abhörten, auswerteten und ggf. an andere Stellen meldeten. Dass meine Funksprüche auch geeignet waren, um meinen /unseren jetzigen Standort halbwegs zu bestimmen, war mir in diesen Momenten nicht wirklich bewusst…

Drei Züge sahen wir vom Grenzzolldienst-Hochstand aus die Grenzlinie passieren: einen Güterzug, der von Lübeck kommend den Grenzbahnhof Herrnburg ansteuerte, einen weiteren Güterzug, welcher gerade Herrnburg verlassen hatte und Richtung Bundesrepublik fuhr sowie den Personenzug „D 438“, welcher mit zahlreichen Passagieren unterwegs war, um von Stralsund kommend bis Köln zu fahren und im Lübecker Hauptbahnhof einen Teil der Reisenden im „Westen“ abzusetzen.
Der weitere Streifenweg führte uns in Richtung des Flusses Wakenitz. Vorbei an Karpfenteichen, in deren Nähe Schlangen (Ringelnattern und auch Kreuzottern) vermehrt beobachtet werden konnten. Nach „unwegsamem“ Marsch gelangten wir dann an den südlichsten Punkt unseres zugeteilten Grenzabschnittes: hier befanden sich die „13 Pfähle“. Hölzerne Pfähle, welche vor Ort den Grenzverlauf markierten. Sumpfiges Gelände, das weniger zum Verweilen einlud. Nach Einweisung in diesen Grenzraum begaben wir uns wieder in Richtung Bahnlinie. Auf dem Weg dorthin zeigte mir „Kalle“ eine aus Stroh errichtete „Hütte“. Relativ klein und flach war sie und möglicherweise hätte ich diese gar nicht entdeckt, wenn mein „aB“ mich nicht zu ihr geführt hätte. Wir gingen zu ihr hin und setzten uns hinein. Vielleicht hatte ein Jäger diese mal gebaut, um von dort aus das Gelände zu beobachten und Tiere zu erlegen.

Nun saßen wir im Stroh. Was Kalle mir alles erzählte, kann ich heute nicht mehr sagen/schreiben. Aber ich weiß, dass ich mir schon damals sicher war, dass ich in dieser Strohhütte während meiner zukünftigen Nachtstreifen nicht postieren würde. Was sollte ich hier und allein bei Dunkelheit? Nein, das war mir doch etwas zu „unheimlich“ und selbst mit einem Zollhund an meiner Seite würde es kein „Vergnügen“ sein, sich in diesem Raum länger aufzuhalten.

Nachdem wir Zollhund HASSO wieder in seinem „Zuhause“ abgeliefert und verpflegt hatten, erreichten Kalle und ich die Räumlichkeiten der Grenzaufsichtsstelle I Eichholz. Zwar hatten wir „Spektakuläres“ nicht gesehen und letztlich nur routinemäßige „08/15“-Meldungen gen Zentrale BALDUR abgesetzt, so hatten mich doch eine Vielzahl von neuen Informationen innerlich stark beschäftigt und bewegt.
Sicher war ich mir, meinen „Traumberuf“ gefunden zu haben. Als äußerst „spannend“ empfand ich diesen „Arbeitsplatz“. Dass ich diesen lediglich ein paar Jahre behalten konnte/durfte, steht auf einem anderen Blatt. Aber auf diesem wurde/wird auch deutlich, dass das „Leben“ weiterging/ weitergeht und es hinter dem Horizont immer „Neues“ zu entdecken gibt…
"That´s Life“!

Manfred Krellenberg


Meine heutigen dienstlichen Aufgaben / Tätigkeiten haben nichts mehr mit Jenem zu tun, warum ich einst zum Zoll ging. Mehr als 25 Jahre bin ich nunmehr im Sachgebiet "Vollstreckung" tätig. Gleichwohl es auch in diesem Bereich jeden Tag aufs Neue eine "Herausforderung" ist, sich den Aufgaben zu stellen, so ist es doch etwas gänzlich "Anderes" im Vergleich zu damals.





   
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